Kapitel 1, Vers 37

Deutsche Übersetzung:

Oder durch Konzentration auf jemanden, dessen Geist den Bereich von Gier und Verhaftung transzendiert hat.

Sanskrit Text:

vītarāga viṣayam vā cittam ||37||

वीतराग विषयम् वा चित्तम् ॥३७॥

vitaraga vishayam va chittam ||37||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vīta = aufgehört
  • rāga = Wunsch, Gier, Verhaftung
  • viṣaya = Bereich
  • vā = oder, auch
  • citta = Geist, Gemüt, Verstand

 

Kommentar

Ein großer Meister, eine große Meisterin inspirieren einen immer.

Mit chitta, dem Verstand, können wir darüber meditieren, welche menschlichen Leidenschaften und Versuchungen der Meister, die Meisterin transzendiert hat. Oder wir können uns selbst in der Situation dieses Meisters vorstellen, indem wir überlegen: Wie wäre ich, wenn ich vollkommen wäre? Wie würde ich denken, fühlen und handeln?

Krishna zählt in der Bhagavad Gita mehrfach die Eigenschaften eines Vollkommenen auf. Er wiederholt sich dabei mehrere Male, so daß manche sich fragen, warum sagt er das wieder und wieder. Diese Wiederholung dient zum einen dazu, daß wir uns wirklich jemanden vorstellen können, der so vollkommen ist und zum zweiten dazu, daß wir uns selbst in diese Idealrolle hineinversetzen können.

Wir Menschen im Westen sind es nicht gewöhnt, uns vorzustellen, daß wir selbst vollkommen sein könnten. Wir streben zwar nach spiritueller Vollkommenheit, aber wir können sie uns bei uns selbst gar nicht vorstellen. Wir gehören einer Tradition an, wo Demut in der Spiritualität eine sehr große Rolle spielt und auch der höchste Heilige noch von sich sagt: „Ich bin der größte Sünder.“ Je mehr man sich als Sünder bezeichnet, desto heiliger gilt man. Das ist in unserer Kultur so. In Indien haben zwar die Meister auch echte Demut, aber sie haben auch keine Hemmungen, gegenüber engeren Schülern festzustellen: „Ich habe das selbst verwirklicht, ich habe die Erleuchtung erreicht.“ Andererseits laufen sie natürlich nicht ständig herum und erzählen es jedem. Wenn sie das tun, ist es auch nicht echt, denn dann haben sie es nötig, es zu erzählen!

Aber nehmen wir zum Beispiel einen Swami Vivekananda, der zu Paramahamsa Ramakrishna, einem der größten Yoga-Meister des 19. Jahrhunderts gekommen ist und ihn gefragt hat: „Hast du Gott gesehen?“
Ramakrishna schaute ihm in die Augen und antwortete: „Ja.“
Daraufhin fragte Vivekananda: „Wann siehst du ihn?“
„Immer. Ich sehe ihn so, wie ich dich sehe, nur immer und deutlicher.“
„Kann ich ihn auch sehen?“
„Ja. Willst du sehen?“
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja!“
Und Ramakrishna streckt den Fuß aus und berührte Vivekananda, worauf Vivekananda eine Gotteserfahrung hatte – diese war für ihn jedoch zu großartig, zu machtvoll, so daß er nachher darum bat, so schnell nicht wieder eine zu haben.

Im 11. Kapitel der Bhagavad Gita bittet Arjuna Krishna, ihm die Vision der kosmischen Gestalt zu geben. Krishna fragt: „Willst du es wirklich sehen?“ Arjuna bejaht, Krishna gibt ihm die Vision, Arjuna ist ganz überwältigt und am Ende des 11. Kapitels bittet er Krishna, sich ihm wieder so zu zeigen wie vorher – die Vision ist ihm zu gewaltig. Krishna ist freundlich und zeigt ihm die Welt wieder wie vorher. Dieses Erlebnis verändert natürlich die ganze Sichtweise von Arjuna. Er hat das Göttliche erfahren. Aber Krishna zum Beispiel hat auch keine Hemmungen, von sich zu sagen, daß er alle seine früheren Geburten kennt und daß er ursprünglich der Lehrer aller anderen war. Wie auch Jesus sagt: „Ich bin das Licht und das Leben und die Wahrheit“, „Ich und mein Vater sind eins.“ Und Jesus meint das nicht nur für sich. Er sagt auch: „Seid vollkommen, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist“, „Wenn der Jünger vollkommen ist, ist er wie sein Meister“, „Ihr seid das Licht der Welt“.

Also, wir dürfen ruhig etwas Mut aufbringen und uns vorstellen, wie wir sein würden, wenn wir vollkommen wären. Probiere das gleich aus: Schließe die Augen und denke darüber nach: „Wie wäre ich, wenn ich vollkommen wäre.“ Die Schwierigkeit vieler Europäer damit ist mir neulich bei einem Workshop klar geworden. Ein Seminarleiter hat die Teilnehmer gebeten, auf einem Blatt alle ihre Fehler aufzuschreiben. Und die Menschen haben geschrieben und geschrieben und geschrieben. Als zweite Übung sollten sie dann ihre positiven Eigenschaften auflisten. Dabei sind die wenigsten über zwei, drei Zeilen hinausgekommen. Ich muß zugeben, das hat mich doch etwas verblüfft. Und dann sollten alle an Menschen denken, die sie besonders schätzen und deren positive Eigenschaften notieren. Da haben alle wieder sehr viel geschrieben. Anschließend sollte sich jeder überlegen, ob er nicht die positiven Eigenschaften, die er in anderen sieht, selbst auch hat. Da mußten einige dann doch lachen, denn was sie an positiven Eigenschaften in anderen gesehen haben, waren tatsächlich ihre ureigenen Stärken. Es scheint für Menschen in unserem Kulturkreis leichter zu sein, bei anderen etwas Positives zu sehen als bei sich selbst.

Man könnte sich stattdessen auch abstrakt vorstellen, wie ein Geist beschaffen sein müßte, der vollkommen und jenseits von Verhaftungen und Leidenschaften wäre.

Am leichtesten fällt es, sich einen Meister, eine Meisterin, eine/n Heilige/n, vorzustellen. Das ist greifbar, über sie gibt es Bücher, Videos, oder es gibt Menschen, die über ihre Erfahrungen mit ihnen berichten. Man kann sich sein Foto aufstellen, auf ihn meditieren, zu ihm beten, seine Gegenwart fühlen, über sein Leben und seine Vollkommenheit nachdenken. Das erhebt einen. Es erhebt einen deshalb, weil die gleiche Vollkommenheit, die dieser Meister hat, in uns selbst vorhanden ist. Weil sie in uns ist, erhebt es uns, wenn wir darüber nachdenken. Es inspiriert uns. Wir bekommen selbst eine kleine Ahnung, wie es sein könnte, wenn wir so wären.

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