Kapitel 1, Vers 34

Deutsche Übersetzung:

Dies wird auch durch das Ausstoßen und das Zurückhalten des Atems erreicht.

Sanskrit Text:

pracchardana-vidhāraṇa-ābhyāṁ vā prāṇasya ||34||

प्रच्छर्दनविधारणाभ्यां वा प्राणस्य ॥३४॥

prachchhardana vidharana abhyam va pranasya ||34||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • pracchardana = Ausstoßen, Ausatmen, Hinauswerfen
  • vidhāraṇa = Anhalten, Zurückhalten
  • ābhya = beidem, und
  • vā = oder
  • prāṇasya = Atem, bzw. Prana

 

Kommentar

Pranayama, Atemübungen, sind sehr machtvoll, um den Geist zu erheben. Richtige Atmung im täglichen Leben kann sehr viel bewirken.

Der beste Ratschlag, den man nervösen oder unruhigen Menschen geben kann, ist, die Hand auf den Bauch zu legen und ein paar Mal tief mit dem Bauch ein- und auszuatmen. Das hilft enorm, Stärke, Festigkeit und Gleichmut zu entwickeln. Zwischen Atmung und Gemütsverfassung besteht eine direkte Korrelation. Du kannst einmal bewußt darauf achten, wie ein Mensch atmet, der leicht die Fassung verliert, und wie jemand atmet, der eher Gleichmut ausstrahlt.

Manche Menschen werden noch ärgerlicher oder nervöser, wenn sie total verärgert sind und dann auch noch über Wohlwollen meditieren sollen. Wir hatten hier einmal einen Schüler mit größeren psychisch-geistigen Problemen. Er hat mir erzählt, immer wenn ich am Anfang der Meditation sage: „Beim Ausatmen stelle dir vor, du schickst Licht und Liebe zu allen Wesen“ werde er richtig aggressiv. Er fühlte sich von verschiedenen Menschen psychisch mißhandelt und empfand es als Zumutung, ihnen jetzt auch noch Licht und Liebe zu schicken ….! Ich habe ihm geraten, er soll statt dessen denken: „Ich schicke Licht und Liebe in alle Richtungen.“ Das konnte er dann. Und ich leite jetzt Meditationen auch eher mit dieser Formel ein, da es Menschen gibt, die aus irgendwelchen Gründen – tatsächlicher oder eingebildeter seelischer, körperlicher, geistiger Mißbrauch – Aggressionen haben, die geweckt werden, wenn man sie bittet, Wohlwollen auszusenden. Aber mit der Zeit sollte es für jeden möglich sein, allen Menschen Wohlwollen zu schicken, selbst wenn einem das Furchtbarste angetan wurde, und zwar aus der Erkenntnis heraus, daß ein Mensch, der einem etwas angetan hat, nur Erfüllungsgehilfe des karmas war. Nur, nicht jeder kann das in jeder Situation anwenden und manchmal kann man es selbst auch nicht in jeder Situation. Für mich jedenfalls war es schon immer erhebend, allen Wesen Wohlwollen zu schicken.

Wem das also schwerfällt, der kann wenigstens den Atem beherrschen. Das kann jeder. Das ist der indirekte Weg des Hatha Yoga wie auch des Kundalini Yoga. Geist und prana (Lebensenergie) hängen zusammen. Verändert man das prana, ändert sich der Geist. Verändert man die Atmung, verändert sich das prana. Atemübungen sind etwas ganz Tolles. Sie können einen aus allen möglichen Depressionen, Stimmungen und falschen Vorstellungen herausreißen. Früher war ich ein sehr schüchterner Mensch. Vor einem Vortrag oder einer Yogastunde mußte ich immer unbedingt eine halbe Stunde pranayama machen. Und vor meinem ersten Meditationskurs mußte ich ein paar Runden bhastrika (eine fortgeschrittene Atemübung) machen, sonst wäre es nicht gegangen, denn ich hatte großes Lampenfieber und war sehr unruhig. Aber wenn ich vorher eine Weile pranayama geübt hatte, waren das prana, die Ruhe und die Stärke des Geistes da.

Manchmal kann es hilfreich sein, sich zusätzlich zum regelmäßigen pranayama einmal am Tag zwischendurch ein paar Minuten lang hinzusetzen und Wechselatmung zu üben, wenn man unruhig ist oder viel Energie braucht. Mir haben schon etliche Leute erzählt, daß sie das während der Arbeit manchmal machen – zum Beispiel auf der Toilette – und daß sie dann wieder Ruhe und Kraft haben. Eine Yogalehrerin hat erzählt, irgendwie sei das bei ihr mal auffällig geworden, und ihre Kollegen hätten sie gefragt, was denn ihr Geheimnis sei, was sie denn auf der Toilette mache, um anschließend so gut gelaunt herauszukommen. Das Ergebnis war dann die Gründung einer Yogagruppe!

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