Kapitel 1, Vers 30

Deutsche Übersetzung:

Die Hindernisse für die Verwirklichung sind Krankheit, geistige Trägheit, Zweifel, Gleichgültigkeit, Faulheit, Verlangen nach Vergnügen, Täuschung, die Unfähigkeit zur Konzentration und Ruhelosigkeit des Geistes durch Ablenkungen.

Sanskrit Text:

vyādhi styāna saṁśaya pramāda-ālasya-avirati bhrāntidarśana-alabdha-bhūmikatva-anavasthitatvāni citta-vikṣepāḥ te antarāyāḥ ||30||

व्याधि स्त्यान संशय प्रमादालस्याविरति भ्रान्तिदर्शनालब्धभूमिकत्वानवस्थितत्वानि चित्तविक्षेपाः ते अन्तरायाः ॥३०॥

vyadhi styana sanshaya pramada alasya avirati bhrantidarshana alabdha bhumikatva anavasthitatvani chitta vikshepah te antarayah ||30||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vyādhi = Krankheit, körperliche Einschränkung
  • styāna = Stumpfsinn, geistige Trägheit, Steifheit, Rigidität
  • saṁśaya = Zweifel, Zögern, Unentschlossenheit
  • pramāda = Achtlosigkeit, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit
  • ālasya = Faulheit
  • avirati = Haften an Dingen, Gier, Verlangen nach Vergnügen
  • bhrānti = Irrtum
  • darśana = Ansicht
  • bhrānti-darśana = Verblendung, Fanatismus
  • bhūmi = Erde, Stufe
  • alabdha-bhūmikatva = Nichterreichen einer Stufe, Unfähigkeit, einen Halt zu finden, Unfähigkeit zur Konzentration
  • anavasthitatvāni = Unstetigkeit, Unbeständigkeit
  • citta = Verstand
  • vikṣepa = Zerstreuung
  • te = sie, diese
  • antarāya = Hindernisse

 

Kommentar

Hier erwähnt Patanjali ein paar ganz typische Hindernisse, mit denen man sich auseinandersetzen muß. Wenn Menschen mir von ihrem Problem erzählen, reicht es oft aus, wenn ich ihnen sage, daß es den meisten Menschen so geht. Wenn sie wissen, das ist normal, andere haben das auch, können sie beruhigter damit umgehen.

Krankheit ist ein Hindernis aus verschiedenen Gründen. Zum einen natürlich, weil Krankheit uns schwächt. Wenn wir müde oder erkältet sind oder ein Bein gebrochen haben, ist es etwas schwer, sich zur Meditation hinzusetzen. Zum zweiten führt Krankheit aber auch oft zu Zweifeln am Yogaweg. Es gibt diese eigenartige Vorstellung, daß man nicht mehr krank wird, wenn man Yoga übt. Das wird bestärkt durch die teilweise etwas übertriebene Darstellung von Wirkungen der Yogaübungen in Yogabüchern – auch in denen von Swami Sivananda und Swami Vishnu-devananda. Im Kapitel über Gesundheit im Buch „Göttliche Erkenntnis“ von Swami Sivananda heißt es: „Gesundheit ist das Geburtsrecht des Menschen, und gesund sind wir dann, wenn wir die Gesetze der Natur beachten.“ Das ist der typisch indische Stil der Übertreibung. Es stimmt, daß wir weniger krank werden, wenn wir Yoga üben. In Amerika wurde eine Studie durchgeführt, die belegt, daß Menschen, die regelmäßig Yoga üben, nur ein Viertel der Krankheitskosten im Vergleich zum Durchschnitt verursachen. Das ist viel. Man könnte also die Gesundheitsvorsorgekosten auf ein Viertel reduzieren, wenn alle Yoga üben würden. Nur – Menschen, die Yoga üben, werden im Schnitt auch mindestens zehn Jahre älter als andere, so daß die Renten länger beansprucht werden. Folglich müßten die Krankenkassenbeiträge gesenkt und die Rentensätze erhöht werden. Es kann als gesichert gelten, daß Üben von Yoga in all seinen Aspekten – richtige Ernährung, Körperübungen, Entspannungstechniken, Atmung, positives Denken, gesunde Lebenseinstellung, Gottvertrauen, Sinn im Leben, gesunde Einstellung zum Schicksal und zum Streß – den Menschen erheblich gesünder macht und ein längeres Leben schenkt. Aber auch Yoga-Übende können Krankheiten bekommen.

Manche Krankheiten haben den Sinn, uns bestimmte Erfahrungen machen zu lassen, an denen wir wachsen. Diese Krankheiten suchen uns auch dann heim, wenn wir alles richtig machen im Leben. Andere Krankheiten kommen aus karmischen Gründen, weil wir in früheren Leben jemand anderem Krankheiten zugefügt haben oder ähnliches. Dann müssen wir uns mit der Krankheit abfinden. Und wieder andere kommen einfach deshalb, weil sie unseren Fortschritt beschleunigen.

In der Krankheit kann also durchaus eine Lektion liegen. Aber weil man dadurch oft träge wird und einem die spirituellen Praktiken wie asanas, pranayama und Meditation schwerfallen oder ganz unmöglich werden, kommen viele Menschen dadurch ins Zweifeln am ganzen Weg. Deshalb sind Krankheiten in erster Linie Hindernisse und wir bemühen uns insbesondere mit Hatha Yoga Übungen, unseren Körper gesund zu halten. Aber es kommt nicht auf die physische Langlebigkeit an, sondern darauf, wie viele Erfahrungen wir machen, wieviel wir lernen.

Das nächste Hindernis ist Trägheit. Patanjali erwähnt gleich drei Aspekte davon, nämlich geistige Trägheit, Gleichgültigkeit und Faulheit. Von den neun Hindernissen, die er aufzählt, sind drei letztlich tamas (Trägheit, Dunkelheit). Wir müssen tamas überwinden. Das geschieht durch regelmäßige spirituelle Praxis.

Als nächstes Hindernis folgt Zweifel. Der Mensch hat ständig Zweifel. Es heißt, es gibt nur zwei Arten von Menschen, die nie Zweifel haben: Das eine sind die Fanatiker und die anderen die Selbstverwirklichten. Bis zur Verwirklichung schlagen wir uns immer wieder mit vielen kleinen Zweifeln herum und ab und zu auch mit einem grundsätzlichen, größeren. Die Hauptzweifel sind:

  • Gibt es so etwas wie Selbstverwirklichung überhaupt?
  • Kann ich es tatsächlich selbst erreichen?
  • Befinde ich mich auf dem richtigen Weg dorthin?
  • Ist der Mensch oder der guru, dessen Tradition ich folge, der Richtige? Kann er mich richtig führen?
  • Ist das, was ich jetzt gerade praktiziere, überhaupt das richtige?“

Solche Fragen kommen oft auch noch nach Jahren der Praxis.

Wir müssen über Selbstverwirklichung lesen und hören und über Menschen, die sie wirklich selbst erreicht haben. Mit Menschen zu sprechen, die selbstverwirklichte Meister erlebt haben, oder vielleicht sogar persönlich einen zu treffen, verhilft uns zu der Gewißheit: Ja, es gibt sie tatsächlich, die Selbstverwirklichung. Auch die Überzeugung, mit der alle Meister sagen, daß es jeder erreichen kann, hilft uns. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten – aber wir können es erreichen!

Wir müssen uns zuerst gründlich Gedanken machen über den Weg, den wir gehen. Wir müssen überlegen, ob das der richtige Weg und der richtige Lehrer ist oder wir spüren es einfach. Und wenn wir merken, im letzten Jahr oder in den letzten zwei Jahren habe ich diese und jene Fortschritte gemacht, dann wird es sicher auch weitergehen. Sehr nützlich dabei ist ein Tagebuch, in dem man seine Erfahrungen und Schwierigkeiten aufschreibt. Wenn man dann nämlich ein paar Jahre später sein Tagebuch liest und sieht, was für Schwierigkeiten man damals hatte, dann lächelt man und weiß: Ich bin doch erheblich gewachsen. Ohne Tagebuch vergißt man gern, mit welchen Problemen man sich vorher herumgeschlagen hat.

Und ab und zu muß man seinem Geist sagen, er soll aufhören mit seinen Zweifeln. Wenn man einmal einen Entschluß gefaßt hat, dann sollte man ihn auch ausführen. Hin und wieder kann man die Angelegenheit vielleicht nochmals gründlich überdenken, aber nicht ständig zweifeln. Es gibt Menschen, die sich ständig in Selbstzweifeln suhlen. Man muß einfach auch mal einen Entschluß fassen und sich notfalls sagen: „Von jetzt an übe ich ein halbes Jahr mal so; danach schaue ich: War es der richtige Weg? Habe ich Fortschritte gemacht?“ Und dann soll man dieses halbe Jahr auch durchhalten, ohne seinen Entschluß dazwischen ständig in Frage zu stellen. Wenn ein halbes Jahr zu lange ist, nimmt man sich halt nur einen Monat vor oder eine Woche, aber es ist wichtig, daß man einen Entschluß faßt und sich von Etappe zu Etappe durchwühlt.

Auch wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen, kann man sich einen Zeitrahmen setzen und sich vornehmen: „Ich gebe mir bis dahin Zeit, dann treffe ich eine Entscheidung und halte mich auch daran.“ Notfalls muß man dann den Entschluß fassen, auch wenn man nicht ganz sicher ist. Dann kann man sich sagen: „Das erscheint mir als das richtige. Wenn sich nicht bis dann und dann etwas Erhebliches ändert, sehe ich das als Hinweis Gottes an und bleibe bei dieser Entscheidung.“

Gleichgültigkeit ist das nächste Hindernis. Diese „Es ist ja alles egal“-Mentalität und Wurstigkeit darf sich nicht einschleichen. Gleichmut ist etwas anders als Gleichgültigkeit. Gleichgültig ist tamasig (träge, dunkel), gleichmütig ist sattvig (rein, klar).

Faulheit ist ein großes Hindernis. Ohne regelmäßige Übung kommt man nirgendwo hin.

Verlangen nach Vergnügen taucht manchmal einfach so auf. Als spiritueller Aspirant überlegt man manchmal: Gibt es nicht doch zu vieles, worauf ich verzichtet habe?

Ich selbst meditiere seit meinem 16. Lebensjahr. Ich bin noch nie in meinem Leben betrunken gewesen, habe noch nie ausgelassen auf einer Feier mitgemacht, – außer bei spirituellen Festen, und die waren harmonisch und schön. Manchmal sagen Leute zu mir: „Wie kannst du überhaupt wissen, was du da verpaßt hast?“ Gut, mir geht es jetzt nicht so, daß ich Angst habe, etwas zu verpassen oder verpaßt zu haben. Schon damals hat mir das nichts bedeutet. Ich habe die Menschen beobachtet, die das alles gemacht haben, und kam in relativ jungen Jahren zu dem Schluß, daß sie nicht wirklich glücklich sind. Ich kann mich erinnern, wie mich meine Cousine einmal in eine Disko mitgeschleppt hat. Kurz vorher hatte ich den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse gelesen, wo etwas über Tanzen vorkam, und so dachte ich, Ekstase über Tanzen zu erreichen, das müßte ja auch ganz schön sein. Dann habe ich das also ausprobiert … – nun gut, von einem Diskobesuch allein klappt das wahrscheinlich auch noch nicht! Aber ich habe auch die anderen beobachtet, und es kam mir zu hohl vor. Wenn Ekstase durch Drogen induziert ist, wenn man Drogen oder Alkohol dazu braucht, ist es keine wertvolle Erfahrung und führt überdies anschließend nur zu einem Kater. Man hat zwar bis vor kurzem angenommen, Ecstasy sei harmlos, aber es scheint so zu sein, daß man davon schwere Schädigungen im Gehirn davontragen und langfristig chronisch depressiv werden kann.

Aber manche Menschen auf dem spirituellen Weg haben doch manchmal das Gefühl, etwas zu verpassen. Eine Seminarteilnehmerin hat mir neulich erzählt, sie mache jetzt zwar auch täglich asanas, pranayama und Meditation, aber einmal in der Woche gehe sie schon mit ihrem Freund in ein sehr gutes Restaurant, und der Rotwein gehöre dort einfach dazu. Sie hat das Gefühl, mit dem Glas Rotwein würde ihr ein großes Stück Lebensqualität entgehen. Gut, ich habe ihr jetzt auch nicht geraten, darauf zu verzichten, sondern gemeint, einmal in der Woche ein Glas Rotwein wird nicht so tragisch sein, wenn es ihr so wichtig ist. Aber wenn man eine Weile auf dem Weg ist, dann stellt man fest: Es ist es nicht wert, mit einem Glas Rotwein einen Teil der Wirkung der pranayama-Praxis (Atemübungen) zu vernichten. Und letztlich ist es kein so großes Vergnügen.

Täuschung ist das nächste Hindernis. Man kann sich oft täuschen, indem man Dinge falsch versteht oder falsch sieht oder indem man den niederen Geist für die innere Stimme der Intuition hält. Swami Vishnu hat gern gesagt: „Never trust your mind“ – „Traue nie deinem Geist“. Aber wem kann man sonst trauen?

Wenn man einen guru hat, kann man ihn fragen. Aber die Antwort ist meistens nicht eindeutig.

Ich habe Swami Vishnu oft gefragt. Bei technischen Fragen wie: „Wer kann kapalabhati auch wechselseitig ausführen?“ oder „Sollte man bei kapalabhati (Schnellatmung; eine Atemübung im Yoga) den Brustkorb erhoben oder drunten halten?“ „Sollte man vor dem Atemanhalten nach bhastrika (fortgeschrittene Atemübung im Yoga) rechts einatmen oder links?“ – denn das steht unterschiedlich in den Büchern –, hat er mir klare Antworten gegeben.

Aber als ich ihn gefragt habe, ob ich mein Studium aufgeben oder ob ich weitermachen soll, da kam keine klare Antwort. Oder als ich ihn mal etwas anderes gefragt habe, hat er mir auch nicht gesagt, was ich machen soll. Er sagte nur: „Entwickle Hingabe.“ In solchen Fällen gibt ein Meister nur Kriterien an, an denen man sich orientieren und nach denen man selbst entscheiden kann. Ein guru macht seine Schüler nicht abhängig. Er nimmt ihnen die Entscheidungen nicht ab. So wie Krishna am Ende der Bhagavad Gita zu Arjuna sagt: „Und jetzt mache, was du willst“. Am Anfang sagt er, er solle kämpfen, weil Arjuna das so heftig abgelehnt hat. Aber später, nachdem er ihm die Yogawege erklärt hat, überläßt er ihm die Entscheidung – und so ist auch ein guru. Der guru hilft einem, aus der Täuschung herauszukommen und die Antwort selbst zu finden.

Die Unfähigkeit zur Konzentration kann eine Schwierigkeit sein. Vielen Menschen fällt es am Anfang schwer zu meditieren. Manchmal kommt auch nach einer Weile eine Unreinheit im Geist hoch. Und obgleich man vielleicht ein Jahr oder länger sehr schöne Meditationen hatte, kann man plötzlich nicht mehr meditieren. Dann denkt man: Jetzt mache ich so viel Yoga und kann nicht mehr meditieren! Vorher habe ich weniger gemacht und es ging viel besser! Die Ursache ist eben eine stärkere Unreinheit, die sich löst, so daß man eine Weile von der Meditation wie abgeschnitten ist. Das muß man aushalten und trotzdem die Unterscheidungskraft behalten. Die wahrscheinlich wirkungsvollste Weise, die Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen, ist intensives pranayama. Das muß man aber von einem kompetenten Lehrer richtig lernen.

Und schließlich ist Ruhelosigkeit des Geistes durch Ablenkungen ein Hindernis. Äußere Dinge lenken uns ab und machen den Geist unruhig. Wir sollten uns nicht ablenken lassen.

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