Kapitel 1, Vers 29

Deutsche Übersetzung:

Die Wiederholung von Om verhilft zu erleuchteter Innenschau und zum Verschwinden aller Hindernisse.

Sanskrit Text:

tataḥ pratyak-cetana-adhigamo-‚py-antarāya-abhavaś-ca ||29||

ततः प्रत्यक्चेतनाधिगमोऽप्यन्तरायाभवश्च ॥२९॥

tatah pratyak chetana adhigamo ‚py antaraya abhavash cha ||29||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • tataḥ = von ihr (dieser Übung)
  • pratyak = Innenschau
  • cetanā = erleuchtet, ausgezeichnet
  • adhigamḥ = erhalten, erreichen
  • api = auch
  • antarāya = Hindernisse
  • abhava = Abwesenheit, Verschwinden
  • ca = und

 

Kommentar

Wenn man normalerweise über etwas nachdenkt, versinkt man meist schnell im Sumpf seiner Gedanken. Ist das Allgemeinbefinden beim Nachdenken gerade gut, dann ist es schön. Wenn es einem aber nicht so gut geht und man dann nachdenkt, kreisen die Gedanken beständig und man sackt immer mehr in den Sumpf hinein. Wenn man dann ein mantra wiederholt, wird der Geist klarer. Wenn man mit diesem durch Meditation erhobenen Geist nachdenkt, kann die Antwort leichter kommen. Das bedeutet erleuchtete Innenschau.

Und Patanjali verspricht uns auch noch die Beseitigung aller Hindernisse. Wir brauchen nur Om zu wiederholen und alle Hindernisse sind beseitigt. Das klingt gut – ob es wohl ausreicht ….?

Nach der indischen Unabhängigkeit kam einmal ein Politiker zu Swami Sivananda in den Ashram und zeichnete ihm ein vollständiges Bild aller Schwierigkeiten, vor denen Indien damals stand: Die Flüchtlinge, die aus Pakistan nach Indien geflohen waren. Die Moslems, die Angst hatten, daß die Hindus sich jetzt an ihnen rächen würden. Da waren die Konflikte zwischen den verschiedenen Bundesstaaten innerhalb Indiens. Die hohen Schulden und der Aufbau der Verwaltung. Die Engländer hatten Indien mehr oder weniger überstürzt verlassen, alle hohen Posten in der Verwaltung waren von Engländern besetzt gewesen, und niemand war darauf vorbereitet. Die ganze Verwaltung drohte zusammenzubrechen. Wie kann die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen? Wie kommt man der Korruption bei? Die Gefahr eines Krieges mit Pakistan drohte u.s.w. Insgesamt ein riesiger Berg von Schwierigkeiten, vor dem das Land stand. Swami Sivananda hörte sich das alles aufmerksam und geduldig an, und als der Politiker ihn fragte, was die Lösung für all diese Probleme sein könnte, sagte Swami Sivananda im Brustton der Überzeugung: „Repeat the name of God that is the only solution“ – „Wiederholen Sie den Namen Gottes, das ist die einzige Lösung.“ Der andere war erst mal wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte erwartet, Swami Sivananda würde ihm großartige Ratschläge zu den einzelnen Problemen geben. Aber er sagte tatsächlich nur: „Wiederholen Sie den Namen Gottes ….“

Wenn die Probleme so groß sind, daß wir sie nicht lösen können, dann kann sie nur Gott lösen. Indem wir den Namen Gottes wiederholen, bekommen wir Zugang zu ihm. Dann kommt die Gnade Gottes, so daß wir fähig werden, das auszuführen, was nötig ist und was innerhalb unserer Möglichkeiten liegt. Außerdem befreit es uns von dem Gefühl, daß wir die Verantwortung für alles haben, daß wir alles ändern und tun müssen. Wir haben ohne Zweifel Aufgaben und wir versuchen, sie so gut wie möglich zu erfüllen. Aber es ist Gottes Aufgabe, sich um diese Welt zu kümmern. Wir sind das Instrument dafür und wir müssen offen sein, damit Gottes Gnade durch uns fließen kann, so daß wir auch in unübersichtlichen Situationen richtig handeln.

Auch auf vielen anderen Ebenen gibt es Hindernisse, die wir durch Mantrawiederholung überwinden können. Es ist immer wieder erstaunlich, wenn man das über eine gewisse Zeit ausprobiert: Konzentriert man sich auf das mantra und wiederholt es in schwierigen Situation etwas länger, dann verschwinden die Hindernisse. Es ist wirklich verblüffend, aber es ist tatsächlich so.

Und obwohl ich jetzt schon 20 Jahre lang mantras wiederhole, weiß ich bis heute nicht, wie sie eigentlich wirken, sondern nur, daß sie wirken. Ich halte zwar Vorträge über die Wirksamkeit von mantras, aber ihre Wirkungsweise an sich ist ein Mysterium.

Das sagt auch Shri Karthikeyan immer wieder, wenn er in unserem Seminarhaus ist: „Je länger ich lebe, desto mehr erkenne ich, die ganze Welt ist ein Mysterium. Das Leben ist ein Mysterium. Der Geist ist ein Mysterium. Gott ist ein Mysterium. Mantras sind ein Mysterium. Niemand weiß, wie alles funktioniert.“ Daß es wirkt, wissen wir; wie genau, darüber haben wir zwar verschiedene Theorien, zum Beispiel Klangschwingungen, Resonanz, chakras, prana u.s.w., aber die Wirkung ist tiefer, als man logisch erfassen kann.

Und jetzt zählt uns Patanjali die Hindernisse auf, die es auf dem Weg gibt:

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