Kapitel 1, Vers 20

Deutsche Übersetzung:

Für andere kommt asamprajnata samadhi durch Glauben, Energie, Erinnerung und klares Bewußtsein.

Sanskrit Text:

śraddhā-vīrya-smṛti samādhi-prajñā-pūrvaka itareṣām ||20||

श्रद्धावीर्यस्मृति समाधिप्रज्ञापूर्वक इतरेषाम् ॥२०॥

shraddha virya smriti samadhi prajna purvaka itaresham ||20||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śraddhā = Glaube, Vertrauen, Gewissheit, Überzeugung
  • vīrya = Energie, fester Wille, Kraft
  • smṛti = Erinnerung, das daran denken
  • samādhi = Ziel des Yoga, Erleuchtung, aber auch: richtige Wahrnehmung, balanciertes Denken, objektive Betrachtung
  • prajñā =Ahnung, Wissen, Weisheit, Abschätzungsvermögen
  • samādhi-prajñā = klares Bewußtsein, Wissen wesentlich für samadhi
  • pūrvaka = vorangehen
  • itareṣā = für andere

 

Kommentar

Um zu asamprajnata samadhi zu kommen sind vier Dinge nötig.

Das erste ist Glaube. Wir müssen Vertrauen haben. Zwar brauchen wir zu Anfang des Weges eine gesunde Skepsis, aber immerzu an allem zu zweifeln führt uns auch nicht weiter. Wir müssen prüfen: Macht das Ganze Sinn? Beruht es auf alten Schriften? Dann müssen wir uns bis zu einem gewissen Grad darauf einlassen, glauben oder auch um Glauben bitten. Anschließend machen wir dann eigene Erfahrungen.

Als zweites müssen wir natürlich Energie hineinstecken. Von nichts kommt nichts, wie es so schön heißt. Alles, was wir an Energie in unsere spirituelle Praxis investieren, bekommen wir vielfach zurück. Es ist also ein „Engelskreis“ – im Unterschied zum „Teufelskreis“. Wir strengen uns beispielsweise an, unser Leben sattvig (rein) zu gestalten. Dabei stoßen wir auf Widerstände unterschiedlicher Art: innere Widerstände, eigenes tamas (Trägheit), das eigene Unterbewußtsein und äußere Widerstände. Man hat wenig Zeit, andere Menschen erwarten etwas anderes. Aber wir tun es trotzdem. Und weil wir es machen, bekommen wir mehr Energie. Und weil wir mehr Energie haben, können wir noch mehr Energie hineinstecken u.s.w.

Und wir müssen uns immer wieder daran erinnern, wozu wir das alles machen. Es geht so schnell, zu vergessen, was eigentlich unser Ziel im Leben ist. Man vergißt es im Laufe des Tages, wenn man seine Arbeiten erledigt, wenn man sich mit Menschen auseinandersetzt, wenn man schläft. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, unser sadhana (spirituelle Praxis) regelmäßig zu machen und auch daran, wozu wir das Ganze tun. Wir müssen uns daran erinnern, das mantra auch zwischendurch zu wiederholen. Wir müssen uns erinnern, uns an Gott zu erinnern.

Und natürlich brauchen wir klares Bewußtsein. Wir müssen bewußt durch die Welt gehen, die Gegenwart bewußt erfahren. Wenn wir bewußt leben, bewußt asanas und pranayama machen, bewußt mit Menschen sprechen, bewußt die Lektionen des täglichen Lebens lernen, können wir sehr schnelle Fortschritte machen.

Man kann diesen Vers auch auf die vier Hauptaspekte des Yoga beziehen:

  • Glauben ist Bhakti Yoga.
  • Energie ist Karma Yoga, denn wir müssen ins tägliche Leben Energie hineinstecken.
  • Erinnerung gehört zum Raja Yoga, denn im Raja Yoga sind diese Techniken erläutert, an die wir uns immer wieder erinnern müssen.
  • Klares Bewußtsein brauchen wir im Jnana Yoga, wo wir versuchen, bewußt durchs Leben zu gehen, unsere viveka, die Unterscheidungskraft, und die Intuition zu schulen.

Audio

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.