Kapitel 1, Vers 17

Deutsche Übersetzung:

Samprajnata samadhi (samadhi mit Erkenntnis) wird von Denken, Überlegen, Freude und reinem Ich-Gefühl begleitet.

Sanskrit Text:

vitarka-vicāra-ānanda-asmitā-rupa-anugamāt-saṁprajñātaḥ ||17||

वितर्कविचारानन्दास्मितारुपानुगमात्संप्रज्ञातः ॥१७॥

vitarka vichara ananda asmita rupa anugamat sanprajnatah ||17||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vitarka = Ahnung, Meinung, Denken
  • vicāra = Erfahrung, Kontemplation, überlegen, nachdenken
  • ānanda = Glück, Freude, Glückseligkeit
  • asmitā = Einheitswahrnehmung, Ich-Gefühl
  • rūpa = Form, Natur
  • asmitā-rūpa = Einheitswahrnehmung mit der Natur / eigenen Form
  • anugamāt = aus diesen Schritten
  • saṁprajñāta = vollkommenes Wissen, vollkommene Erkenntnis

 

Kommentar

Das ist eine abstrakte Raja YogaMeditationstechnik in vier beziehungsweise sieben Stufen.

Große Meister führt diese Technik sofort zu samâdhi, aber auch wir können sie ab und zu ausprobieren, selbst wenn wir keine großen Meister sind und nur Vorstufen üben können.

Es gibt verschiedene Interpretationen dieser samadhi-Zustände und Meditationstechniken. Eine davon, die Shri Karthikeyan erklärt hat, ist:

Savitarka ist Meditation über die physischen Elemente in Raum und Zeit, die Identifikation mit dem Universum der Erscheinungen in Raum und Zeit.

Man wird sich zunächst des Körpers bewußt und des Bewußtseins hinter diesem Körper. Dann geht man dazu über, festzustellen, daß dieser physische Körper nicht im abstrakten Nichts lebt, sondern in ständigem Austausch mit seiner Umwelt. Luft strömt in die Lungen, wird ein Teil des Körpers. Wir atmen Kohlendioxid aus, das in unseren Zellen entsteht. Warum sollten wir uns mit dem Kohlendioxid nur so lange identifizieren können, solange es beispielsweise in unserem Fuß ist? Wir können versuchen, die Luft in uns und draußen zu spüren. Man kann tatsächlich nicht nur den physischen Körper wahrnehmen, sondern auch die Luft darum herum. Ebenso kann man das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume oder des Baches nicht nur hören, sondern sein Bewußtsein darauf ausdehnen.

Die westliche Theorie der Wahrnehmung würde sagen, daß von einem Objekt Klangschwingungen ausgehen, die in die Luft gelangen, sich als Welle bis zum Ohr fortpflanzen und dort die Gehörknöchelchen in Bewegung setzen. Dies führt zu verschiedenen Impulsen, die im Gehirn als Klang interpretiert werden.

Die samkhya-Theorie sagt, unser Bewußtsein geht zum Objekt hin; dadurch werden wir uns des Objektes bewußt. Auch Sheldrake sagt – ohne sich auf die samkhya-Philosophie zu beziehen –, daß es bestimmte Phänomene der Wahrnehmung gibt, die wir eigentlich mit unserer normalen westlichen Sichtweise nicht erklären können, sondern damit, daß man sich zu dem Objekt hin ausdehnt. Ich fand es sehr interessant, daß Sheldrake von einer ganz anderen Warte aus zu einer ähnlichen Aussage kommt, nämlich daß es nicht oder nicht allein so ist, daß Klangschwingungen in unser Bewußtsein eindringen, sondern daß unser Bewußtsein mittels der betreffenden Sinneswahrnehmung nach außen geht und wir die Dinge wahrnehmen, weil unser Bewußtsein zu ihnen geht.

Und das können wir ganz gezielt machen: Wir gehen mit dem Bewußtsein zu den Objekten, die wir sinnlich wahrnehmen: vielleicht die Erde, auf der wir sitzen, die Luft, die wir auf der Haut spüren (besonders wenn sie sehr warm oder kalt ist oder wenn es windig ist), und zu den Dingen, die wir hören. Man kann diese Meditation sogar mit offenen Augen in der Natur machen: sich hinsetzen, Dinge anschauen und versuchen, sie zu spüren, ihr Wesen zu erfassen, in sie hineinzugehen.

Schließlich geht savitarka so weit, daß wir das ganze Universum spüren. Wir spüren, ich bin das ganze Universum und das Unendliche hinter dem Universum.

Der nächste Schritt, nirvitarka, ist schwer zu erklären. Nirvitarka ist Identifikation mit dem Universum jenseits von Raum und Zeit, das Erfassen des Prinzips des Körpers beziehungsweise des Universums an sich. Wir identifizieren uns mit dem Bewußtsein hinter der Gesamtheit des Universums.

In savitarka versuchen wir zwar auch, das physische Universum als organisches Ganzes wahrzunehmen, aber wir nehmen auch seine Veränderungen wahr. Wir konzentrieren uns darauf, das Universum mit allen seinen Veränderungen als ein organisches Ganzes bewußt zu spüren. Bezogen auf den eigenen Körper könnte man sagen, in savitarka nimmt man seinen eigenen Körper mit all seinen Veränderungen wahr, in nirvitarka stellt man fest, der Körper ist doch ein Ganzes, jenseits aller Veränderungen.

Diese beiden Bewußtseinszustände, savitarka und nirvitarka, lassen sich auch in der vedanta-Philosophie ausdrücken. Die Identifikation mit dem physischen Universum als Ganzes ist viratsvarupa. „Das ganze Universum ist mein Körper“ – das ist die Erfahrung dieser Meditation, darin mündet sie.

Die gleiche Unterscheidung gibt es bei den nächsten beiden Stufen, savichara und nirvichara. Savichara, mit Nachdenken, heißt, wir identifizieren uns mit dem Prinzip des Nachdenkens im Universum, also mit dem kosmischen Gemüt.

Wenn man den Körper wahrnimmt, nimmt man auch Emotionen und Gedanken wahr. Wir können das eigene Gemüt, das kosmische Gemüt oder die Psyche einschließlich Gedanken und Emotionen wahrnehmen und dabei feststellen, daß unsere Emotionen und Gefühle nicht unabhängig von anderen Emotionen und Gefühlen sind. Dann können wir versuchen, andere Wesen und Objekte zu erfühlen, nicht mehr ihren Körper, sondern ihre Gedanken und Emotionen. Dann gehen wir noch einen Schritt weiter und fühlen: „Ich bin das Bewußtsein hinter allen Gedanken und Gefühlen.“ Hinter dem gesamten Universum gibt es nicht nur einen abstrakten Geist, sondern auch ein Gemüt auf der Gefühls- und prana-Ebene. Dieses Gemüt versuchen wir als Ganzes zu fühlen. Das ist dann der savichara-Zustand, die Identifikation mit dem kosmischen Gemüt. Wir dehnen unser Bewußtsein aus und fühlen das gesamte Gemüt hinter der Schöpfung. Wir fühlen die kosmischen Gedanken und Emotionen, die kosmische Energie in allen ihren Veränderungen. Wir können nicht jede einzelne Veränderung spüren, aber wir merken: Da ist Veränderung, da ist Rhythmus.

Nirvichara bedeutet, daß wir alle Bindungen überschreiten. Wir spüren das kosmische Gemüt an sich als eine allumfassende Wirklichkeit, die irgendwie eine Einheit bildet.

Der Erfahrung von savichara und nirvichara entspricht hiranyagarbha in der vedanta, dem kosmischen Geist („cosmic mind“, nicht das, was man englisch mit „spirit“ bezeichnen würde; die Unterscheidung im Deutschen ist schwierig, da es für beides nur ein Wort gibt), im Sinne von kosmisches Gemüt.

Die nächste Stufe, sananda (mit Wonne), ist eigentlich die Konsequenz aus dem Vorhergehenden. Wenn es uns gelingt, uns als das Gemüt hinter allem, was geschieht, zu fühlen, ist das mit Wonne und Liebe verbunden. Ananda, Wonne, schließt immer prema, Liebe, ein und umgekehrt ist Liebe immer auch Wonne. Manchmal fragt man sich bei der abstrakten vedanta-Philosophie, wo die Liebe hinter dem Ganzen bleibt. Die Liebe ist in ananda enthalten. Wenn wir uns auf der körperlichen, geistigen und emotionalen Ebene eins fühlen mit allen Wesen, dann entsteht ganz natürlicherweise eine umfassende Liebe und Wonne, ähnlich, wie auch Jesus gesagt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Mein Selbst ist in mir wie auch im Nächsten.

Auf dieser Stufe der Meditation hört man auf, das ganze Wesen, das kosmische Gemüt, zu spüren. Statt dessen nimmt man einfach diese allumfassende Liebe und Wonne wahr.

Das führt zum nächsten Schritt, sasmita, der Identifikation mit dem kosmischen „Ich bin“.

Asmita werden wir noch im Rahmen des zweiten Kapitels als individuelles Ego kennenlernen. Dort gilt es als Teil der kleshas, der Ursachen des Leidens.

Aber hier ist asmita nicht als individuelles Ego gemeint, sondern als kosmisches Ego, als das kosmische Gefühl „Ich bin“. Dieses kosmische „Ich bin“-Gefühl mündet schließlich in den letzten Teil, in asamprajnata.

Die unteren sechs Stufen gelten als samprajnata = mit Bewußtsein. Prajna heißt Erkenntnis, samprajna = mit Erkenntnis. Dabei machen wir konkrete Erkenntnisse.

Asamprajnata heißt „ohne Erkenntnisse“: Wir machen keine Erkenntnisse, sondern sind reines Bewußtsein. Wir sind einfach: die Erfahrung reinen Seins. Dies schließt auch weiter Wonne ein, schließt auch weiter das kosmische Ich ein, das reine Selbst, purusha, transzendiert sie aber alle. Das ist der nirodha-Zustand oder, wie man im Jnana Yoga in der vedanta-Philosophie sagen würde, der Zustand von nirvikalpa samadhi, die Selbstverwirklichung.

Selbst wenn wir noch keine spirituellen Meister sind, können wir diese Meditationstechnik üben und andeutungsweise ihre Stufen erfühlen, auch wenn sie nicht sofort zu echtem asamprajnata samadhi führt. Es ist uns vielleicht möglich, das Bewußtsein auszudehnen, zu merken: „Ich bin das Bewußtsein hinter dem physischen Universum, ich bin das Bewußtsein hinter dem kosmischen Gemüt.“ Vielleicht gelingt es uns nicht gleich auf der ganzen kosmischen Ebene, aber doch so, daß wir mindestens unsere Umgebung und deren Emotionen, Gedanken, Gefühle, prana, erfühlen können. Das können wir immer weiter ausdehnen, bis wir sananda, die Liebe und Wonne dahinter spüren. Vielleicht gelingt es uns, sasmita, das Bewußtsein, das „Ich bin“-Gefühl, zu erleben und einen Moment lang im reinen Sein zu verharren.

All diese Schritte sind zunächst nur das Bemühen um Konzentration, dharana. Es kann uns gelingen, auf jeder Ebene voll zu verschmelzen in dhyana (Kontemplation) und schließlich wird es wirklich samadhi (überbewußter Zustand).

Es gibt also die vier Stufen von samprajnata samadhi: vitarka, vichara, ananda, sasmita, die später noch weiter unterteilt werden in savitarka und nirvitarka sowie savichara und nirvichara.

Statt sie nun auf dieser kosmischen Ebene zu betrachten, kann man diese Stufen auch als konkrete Meditationsthemen auffassen, wie es Swami Vishnu-devananda gerne machte:

  •  Vitarka in diesem Sinne ist Meditation über Gegenstände, die wir aus dem physischen Universum kennen, zum Beispiel eine Kerzenflamme, das Meer, einen Klang, also Elemente in Raum und Zeit.
  • Vichara ist Meditation über Elemente außerhalb des physischen Universums, also Urprinzipien, Archetypen o.ä. Dazu gehören beispielsweise mantras (Sanskritklang, -formel, -vers) oder chakras (Energiezentren) oder Götter. Shiva zum Beispiel ist keine Gestalt, die es auf der physischen Ebene gibt, sondern ein kosmisches Prinzip im ganzen Universum.
  • Sananda und sasmita sind dann noch subtiler. Meditationsgegenstand auf der sananda-Ebene ist Liebe, reine Liebe zu Gott, und sasmita bedeutet, ganz in das umfassende Gefühl des „Ich bin“ hineinzugehen.

Wir können die Einteilung auch nach koshas, den Körperhüllen, vornehmen:

  • Die vitarka-Meditation dreht sich um die annamaya kosha (Nahrungshülle) und spielt sich auf der Ebene des Physischen ab.
  • In der vichara-Meditation sind es Objekte in der pranamaya kosha (vitale Hülle, Lebensenergie), manomaya kosha (Geisthülle) und vijnanamaya kosha (intellektuelle Hülle). Dazu gehören beispielsweise die Eigenschaftsmeditation, die Energiemeditation oder auch Reflexion, Nachdenken.
  • In sananda und sasmita befindet sich die Meditation auf der anandamaya kosha-Ebene (Wonnehülle) und ist sehr abstrakt. Dann sind wir in diesem transzendentalen Gefühl von Wonne und reinem Sein. Trotzdem verbleibt dort immer noch ein Rest von „Ich bin“: ich fühle Wonne, ich fühle Liebe“. Das heißt, es besteht noch Dualität, Getrenntheit, Zweiheit. Deshalb gehört es noch zu samprajnata.

Asamprajnata samadhi tritt ein, wenn alle geistigen Aktivitäten aufhören. Es gibt kein Gefühl mehr von “Ich“, „Du“ oder „Ich erfahre“. Es bleibt nur reines Sein.

Dies beschreibt Patanjali im 18. Vers.

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