Bhakti Sutra 61

narada-bhakti-sutra-61

Deutsche Übersetzung

Ein Bhakta grämt sich nicht wegen irgendeines Leids, denn er hat sich selbst und alles, was er besitzt, ganz aufgegeben, sogar die Riten und Zeremonien, die von den heiligen Schriften vorgeschrieben werden.

Sanskrit Text

  • lokahānau cintā na kāryā niveditātmalokavedatvāt ।। 61 ।।
  • लोकहानौ चिन्ता न कार्या निवेदितात्मलोकवेदत्वात् ।। ६१ ।।
  • lokahanau chinta na karya niveditatmalokavedatvat || 61 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • loka-hānau : bei Misserfolg („Verlusst“, Hani) in den weltlichen Angelegenheiten (Loka)
  • cintā : Sorgen (Chinta)
  • na : nicht (Na)
  • kāryā : man soll sich machen („sind zu machen“, Karya)
  • niveditātma-loka-vedatvāt : weil (man) sich selbst (Atman), die weltlichen Angelegenheiten (Loka) und die (vorgeschriebenen Riten) des Veda (allesamt dem Höchsten) anvertraut hat (Nivedita)     ।। 61 ।।

Kommentar von Sukadev Bretz

Lesen

Ein Bhakta, ein Gottesverehrer grämt sich nicht wegen irgendeines Leides. Er kennt kein Leid mehr, bzw. Schmerzen mögen da sein. Ich hatte das große Glück, Swami Vishnu-devananda über viele Jahre lang zu kennen, auch während der letzten Jahre seines Lebens. Nicht im allerletzten Jahr seines Lebens, aber davor. Swami Vishnu hatte viel physisches Leiden gehabt. Und er hat Unfälle gehabt, einen Autounfall, wo sein Knie zertrümmert wurde, ein paar Wirbel gebrochen waren usw. Er hatte körperliche Schmerzen, und das hat er uns auch öfters gesagt. Aber hat er sich deshalb gegrämt? Nein. Er hat sich nicht deshalb gegrämt.

Oder Swami Sivanananda hatte auch einige körperliche Beschwerden gehabt am Ende seines Lebens. Es hat ihm nichts ausgemacht. Er hat sich nicht gegrämt. Und es gab immer wieder Schwierigkeiten in den Ashrams. Bei Swami Vishnu habe ich es mehrmals erlebt, dass dort der Ashram überschuldet war. Beinahe hätte die Bank den Ashram der Versteigerung übergeben. Swami Vishnu hat sich dessen nicht gegrämt. Er hat sich verantwortungsbewusst verhalten. Er hat alles getan, um es abzuwenden. Es ist ja auch immer gelungen. Aber er hat sich nicht gegrämt. In dieser Weise, wirklich tiefe Gottesliebe ist dann da, wenn Du Dich wegen nichts grämst. Warum grämt man sich nicht? Weil man sich selbst ganz aufgegeben hat.

Heutzutage sind Menschen sehr stark verliebt in sich selbst und wollen viel für sich selbst tun und sagen, ich mache Yoga, um etwas für mich selbst zu tun. Und sie wollen sich selbst lieben und vieles anderes. Und das ist jetzt ja gar nicht unbedingt falsch, wenn man das Selbst als Gott bezeichnet und nicht mit seinem Jiva. Aber sehr häufig ist das eine Entschuldigung, eben nicht wirklich nach Gott zu streben und nicht wirklich zu dienen, nicht wirklich uneigennützig zu sein. Was Narada hier meinte, ist alle Identifikationen aufzugeben, nicht an seinen eigenen Wünschen zu hängen. Also man hat seine Wünsche, seine Identifikationen aufgegeben. Man kümmert sich zwar darum, weil es  (die) Gabe Gottes ist. Aber es ist nicht so erheblich, was mit dem physischen Körper geschieht. Es ist nicht so erheblich, was ich bekomme oder nicht bekomme. Es ist nicht so erheblich, wie Menschen zu mir sprechen oder nicht sprechen.

Ein wahrer Bhakta hat sich selbst in diesem Sinne aufgegeben und auf diese Weise sein wahres Selbst erfahren und das wiederum ist Gott. Also – Narada sagt, er grämt sich nicht wegen irgendeines Leides, weil er sich selbst und alles, was er besitzt ganz aufgegeben hat. Das heißt nicht, dass man keinen Besitz haben muss. Aber es ist nicht wirklich mein Besitz. Ein Bhakta weiß, mir gehört gar nichts. Alles gehört Gott. Gott gibt mir etwas, Gott nimmt mir etwas; so wie Hiob auch im Alten Testament oder der Bibel der Juden gesagt hat: Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, gepriesen sei der Herr. Deshalb – ein Bhakta weiß, mir gehört nichts. Was Gott mir vorübergehend anvertraut hat, das will ich gut behandeln. Wenn es Gott mir wieder wegnimmt, auch gut. Wenn Du diese Einstellung hast, dann brauchst Du Dich nicht wegen irgendeines Leides grämen.

Sogar die Riten und Zeremonien, die von den Heiligen Schriften vorgeschrieben werden, es gibt vieles, was man empfiehlt. Es mag aber auch Momente geben, wo es nicht geht.  Im Yoga Vidya haben wir bestimmte Praktiken, die wir üben; Asanas, Pranayama, Meditation usw. Es kann jetzt sein, dass Du Dir vielleicht den Fuß verknackst hast, da gehen manche Übungen nicht. Es gibt Menschen, die grämen sich dann so sehr. Ich hatte Menschen, die kamen hierher und haben eine Intensivwoche machen wollen und am ersten Tag oder auf dem Weg dorthin, verknacksten sie sich den Fuß, oder einen Tag vorher. Und dann grämten sie sich so sehr. Sie haben sich so gefreut, mal intensiv Asanas zu üben. Das ist ja verständlich. Und natürlich, ich fühle mit diesen Menschen, ich spüre ja dann deren Schmerzen. Sie haben sich darauf gefreut, so vorbereitet, soviel arrangiert, um eine Woche intensiv praktizieren zu können. Aber es gilt, auch das loszulassen.

Es gibt ja so viel anderes, was man im Ashram machen kann. Man kann auch Asanas üben, vielleicht nicht so intensiv. Es gibt so viele Übungen, die man trotzdem machen kann. Und man kann meditieren, man kann Mantras singen, notfalls sitzt man auf einem Stuhl usw. Also auch nicht dran hängen, dass der Körper nicht all das kann, was man machen will. Auch das heißt, man hat sich selber ganz aufgegeben. Sich selbst, den Besitz, sogar das Hängen an der konkreten Ausführung von bestimmten Praktiken. So wird der Bhakta, der Gottesverehrer stets im Glück sein, denn der vorige Vers war ja, die Natur der Gottesliebe ist Friede und höchste Glückseligkeit.

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