1. Kapitel, Vers 1

Deutsche Übersetzung:

Verneigung vor dem verehrungswürdigen Shiva, von dem die Wissenschaft des Hatha-Yoga gelehrt wurde. | Es beleuchtet den überlegenen Zustand des Raja-Yoga, für den, der wie auf einer Treppe dorthin aufsteigen will.

Sanskrit Text:

  • śrī-ādi-nāthāya namo’stu tasmai
    yenopadiṣṭā haṭha-yoga-vidyā |
    vibhrājate pronnata-rāja-yogam
    āroḍhum icchor adhirohiṇīva ॥1॥
  • श्रीआदिनाथाय नमोऽस्तु तस्मैयेनोपदिष्टा हठयोगविद्या ।
    विभ्राजते प्रोन्नतराजयोगम्
    आरोढुम् इच्छोर् अधिरोहिणीव ॥१॥
  • shri adi nathaya namo’stu tasmai
    yenopadishta hatha yoga vidya |
    vibhrajate pronnata raja yogam
    arodhum ichchhor adhirohiniva ॥1॥

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī : dem verehrungswürdigen (Shri)
  • ādi-nāthāya : uranfänglichen Herrn, Beschützer, Gebieter (Adinatha)
  • namas : Verneigung, Verehrung (Namas)
  • astu : sei (as)
  • tasmai : diesem (Tad)
  • yena : durch den (Yad)
  • upadiṣṭā : gelehrt wurde (Upadishta)
  • haṭha-yoga : (des) Hatha Yoga
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • vibhrājate : die erstrahlt (vi + bhrāj)
  • pronnata : (den) äußerst erhabenen („hohen“, Pronnata)
  • rāja-yogam* : königlichen Yoga (RajaYoga)
  • āroḍhum : zu erklimmen (ā + ruh)
  • icchoḥ : für den, der wünscht (iṣ)
  • adhirohiṇī : (eine) Leiter (Adhirohini)
  • iva : wie  (Iva)     ॥1॥

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Brahmananda

So gut wie jedes Werk über Yoga und die Tantras trägt die Form einer Darlegung von Shiva, dem großen Yogi, an seine Frau Parvati. Das Wort Hatha ist aus den Silben „ha“ und „tha“ zusammengesetzt, was Sonne und Mond bedeutet, d. h. Prana und Apana. Ihr Yoga oder ihre Vereinigung, d.h. Pranayama, wird Hatha Yoga genannt. In diesem Vers und das ganze Werk hindurch wird festgehalten, dass Hatha Yoga nur ein Mittel zu Raja Yoga ist. Es kann kein Raja Yoga ohne Hatha Yoga geben und umgekehrt.

Vishnu-devananda

1. Ich grüße den ersten Herrn, Shiva, der die Hatha Vidya an Parvati lehrte. Das ist ein Schritt zur Aneignung des alles überragenden Raja Yoga.

Swatmarama beginnt seine Unterweisung auf die traditionelle Art, indem er sich vor den Gurus demütig verneigt. Erst verneigt er sich vor dem Adi Guru, dem obersten Guru: Shiva, und dann vor seinem Schüler Matsyendranath und dessen Schüler Gorakshanath. Durch deren Gnade entfaltet Swatmarama dessen große Wissenschaft. Vidya bedeutet Wissen. Das Wissen von Hatha Yoga wurde erstmals von Shiva an seine Gefährtin Parvati, die universelle Mutter, gelehrt.

Der Sinn des Hatha Yoga ist, euch zu lehren, wie man diese zwei Energien: „ha“ und „tha“ (Prana und Apana) kontrolliert. Ohne diese Kenntnis ist es sehr schwierig, jene Kontrolle über den Geist zu erlangen, die Raja Yoga genannt wird. Raja Yoga hat mit dem Geist zu tun, Hatha Yoga arbeitet mit Prana und Apana. Viele Schüler begehen den Fehler, Hatha Yoga hauptsächlich für Asanas zu halten, während in Wirklichkeit Asanas nur eine der acht Stufen des Hatha Yoga sind. darüber hinaus gibt es gar keinen wirklichen Unterschied zwischen Hatha Yoga und Raja Yoga. Es gibt keine Möglichkeit, sich Raja Yoga ohne die Praktik des Hatha Yoga anzueignen und umgekehrt. Hatha Yoga ist der praktische Weg, den Geist durch die Kontrolle von Prana zu kontrollieren.

Schaut auf das Spiel der Blätter an einem Baum. Wenn ihr dieses Spiel beobachtet, könnt ihr auf die Geschwindigkeit des Windes schließen, auch wenn ihr den Wind selber nicht sehen könnt. Ebenso können wir Prana oder Apana nicht sehen oder die Bewegung des Geistes sowie seiner Gedanken. Im Sinne von Raja Yoga ist der Geist wie ein See, und das Denken sind Wellen („Vrittis“ auf Sanskrit). Raja Yoga dient dazu, diese Wellen des Denkens zu kontrollieren und gegebenenfalls anzuhalten. Auf Sanskrit sagen wir: „Yoga chitta vritti nirodha“.

Gemäß Patanjali, dem Verfasser der (Raja) Yoga Sutras, gibt es fünf Arten von Vrittis, von denen einige Positiv sind und einige nicht. Von diesen fünf ist nur eine ausschließlich positiv und das ist, wenn der Sehende sich mit dem Selbst (Atman) identifiziert. Das ist nur möglich, wenn die Wellen des Denkens verlangsamt werden. Dann erkennt der Sehende im ruhigen See seines Geistes sein eigenes Selbst (Atman). Aber solange der Wind existiert, werden wir den Baum in Bewegung sehen, die Blätter im Spiel – manchmal ruhig, manchmal heftig, aber immer in Bewegung.

Hatha Yoga fragt: „Wie hält man diese Wellen an?“ und „Wie sieht der Sehende das Selbst?“

Wie die Wellen auf dem See vom Wind geschaffen werden, so werden die Wellen des Geistes von Prana und Apana hervorgerufen. Manchmal bewegt sich diese Energie sehr schnell, manchmal langsam, und je nach Art der Prana-Apana-Bewegung werden die Wellen der Gedanken sehr ausgeprägt oder sehr langsam sein. Wir sagen dazu rajasiges oder tamasiges Denken.

Tamasige Wellen sind lethargisch und schläfrig, weil dann die Untätigkeit vorrangig ist. Es ist kein stiller, friedlicher Geisteszustand, auch kein aktiver Geisteszustand; es ist ein untätiger Zustand, in dem der Geist nicht imstande ist, irgendetwas zu tun. Er vegetiert nur – wie ein Stein oder ein Eisblock.

Tamasige Wellen sind sehr trüb und grob gefroren wie Eis, so dass ihr euer Spiegelbild nicht sehen könnt, obwohl die Oberfläche still zu sein scheint. Es ist unmöglich zu sehen, was am Grunde des Sees ist.

Rajasige Wellen sind wie ein stürmischer Himmel. Er ist entflammt. Wellen erheben sich auf dem See und lösen sich fortwährend wieder auf der wirbelnden Oberfläche des Geistes auf.

Aber im Sattva-Zustand kommen die Wellen zum Stillstand; da gibt es keine Bewegung von Prana und Apana, weil die Energie zum zentralen Kanal, der Sushumna, gelenkt worden ist. Wenn sich diese Wellen zeigen, bewegt sich Prana/Apana gewöhnlich durch den Ida– und Pingala-Kanal auf der rechten und linken Seite des Körpers. Das kann man demonstrieren, indem eure Gehirnströme überprüft werden.

Manchmal ist die rechte Gehirnhälfte aktiver; manchmal ist die linke aktiver. Wellen der linken Hälfte sind meist analytisch, mathematisch, wissenschaftlich, rational usw. Im Allgemeinen werden diese Wellen vom westlichen Geist am meisten verwendet. Deshalb habt ihr (im Westen) schöne Städte und Autos und komplexe Technologien hervorgebracht. Dies geschieht, weil eure linke Gehirnhälfte meistens die rechte unterdrückt. Sogar eure Religionen lassen die linke, analytische Seite bevorzugt zur Wirkung kommen. Wenn christliche Mönche in Klausur gehen, harren sie eher in Kontemplation als in der Meditation aus, und im Judentum ist der gebräuchliche Zugang zur Religion analytisch.

Wellen, die vom rechten Gehirn kommen, sind philosophisch, hingebungsvoll, mitfühlend und von friedlicher Natur, auch wenn wir sie meist für Müßiggang oder Gefühlsbetontes verwenden. Entweder ihr liebt oder ihr hasst jemanden, und so stellt ihr die Wellen auf ein sehr grobes und tamasiges Niveau ein.

Der Sinn von Yoga ist, beide Gehirnhälften davor zu bewahren, die andere zu beherrschen und den sattvigen Zustand hervorzubringen. Deshalb meditieren wir an einem Platz, wo es sehr wenig Aktivität gibt – wie die sanfte natürliche Bewegung der Bäume im Wind und gelegentlich die Rufe einiger Vögel. In unseren Ashrams pflanzen wir Blumen. Das alles dient der Beruhigung des Geistes.

Die wesentliche Yogapraktik ist, die linke Seite des Gehirns durch die Verwendung der rechten Hälfte zu kontrollieren. Wenn die linke Gehirnhälfte aktiv ist, ist Pingala in Funktion und der Atem bewegt sich durch das rechte Nasenloch. Wenn die rechte Gehirnhälfte aktiv ist, ist das linke Nasenloch geöffnet und Ida in Funktion. Das wechselt normalerweise alle eineinhalb bis zwei Stunden. Aber wenn die Energie sich weder durch das rechte, noch durch das linke Nadi bewegt, muss sie durch Sushumna gehen, und dann ist die Energie im Gleichgewicht.

Darüber hinaus wird die Wahrnehmung von Zeit und Raum durch diese Bewegung von Prana zwischen dem rechten und linken Kanal verursacht. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Samadhi und Tiefschlaf. Im Tiefschlaf seid ihr euch der Zeit oder des Raumes nicht bewusst, weil die Vrittis unterdrückt sind. Sie sind nicht aufgehoben, wie im Samadhi. Ihr könnt sagen, dass die Vrittis im Tiefschlaf auf Eis gelegt sind – kaltgestellt. Sie kommen zurück, wenn die Sonne scheint, um das Eis zu schmelzen.

Aber in Samadhi gibt es überhaupt keine Vrittis. Gewöhnlich erfahren wir diese Ruhe nur während des Tiefschlafs, ein Zustand der Trägheit, im Samadhi jedoch sind die geistigen Modifikationen eingestellt. Dann gibt es Gleichgewicht zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte. Dafür üben wir die Wechselatmung, da wir nicht direkt auf das Gehirn einwirken können.

Sukadev

1. Ich grüße den ersten Herrn Shiva, der die Hatha Vidya an Parvati lehrte. Das ist ein Schritt zur Aneignung des alles überragenden Raja Yoga.

Viele indische Schriften beginnen damit, dass erst Gott gegrüßt wird, der Guru gegrüßt wird, die notwendigen Eigenschaften des Schülers aufgezählt werden, und Wozu diese Schrift gut ist. Im ersten hat er gleich zwei davon aufgezählt. Zuerst grüßt er Gott. Und dann sagt er, wozu das, was er lehrt, da ist. Für Raja-Yoga, zur Kontrolle des Geistes, zur Erreichung der Selbstverwirklichung. Hatha Yoga ist, solange es ihn gibt, immer schon zu unterschiedlichen Zwecken gewesen.

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1. Kapitel, Vers 2

Deutsche Übersetzung:

Nach der Verneigung vor dem geachteten Lehrer, wird von Yogi Svatmarama | die Wissenschaft des Hatha-Yoga unterrichtet, ausschließlich für den Zweck, den Zustand des Raja-Yoga zu erreichen.

Sanskrit Text:

  • praṇamya śrī-guruṁ nāthaṁ svātmārāmeṇa yoginā |
    kevalaṁ rāja-yogāya haṭha-vidyopadiśyate ||2||
  • प्रणम्य श्रीगुरुं नाथं स्वात्मारामेण योगिना ।
    केवलं राजयोगाय हठविद्योपदिश्यते ॥२॥
  • pranamya shri gurum natham svatmaramena yogina |
    kevalam raja yogaya hatha vidyopadishyate ||2||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • praṇamya : nach dem er sich verneigt hat (pra + nam)
  • śrī : (vor dem) verehrungswürdigen (Shri)
  • guruṁ : (eigenen) Lehrer, Meister (Guru)
  • nāthaṁ : dem Schutzherrn (Natha)
  • svātmārāmeṇa : Svatmarama
  • yoginā : durch den Yogi
  • kevalaṁ* : einzig, ausschließlich (Kevala)
  • rāja-yogāya : zum (Zwecke des) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • haṭha : des (Hatha-Yoga)
  • vidyā : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • upadiśyate : wird gelehrt (upa + diś)    ||2||

*Anmerkung: Der Kommentator Brahmananda erläutert das Wort „einzig“ (Kevala) dahingehend, dass das wichtigste (Mukhya) Ergebnis (Phala) der Wissenschaft des Hatha Yoga allein (eva) der (Zustand des) RajaYoga ist, und nicht (na) die übernatürlichen Fähigkeiten (Siddhi): rāja-yoga eva mukhyaṃ phalaṃ na siddhayaḥ.

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Brahmananda

Indem er das Wort „einzig“ verwendet, macht er klar, dass der Zweck von Hatha Yoga Übung, sich auf Raja Yoga vorzubereiten, ist und nicht, sich die Siddhis (psychischen Kräfte) anzueignen. Diese können sich ergeben und sind zweitrangig. Der Hatha Yoga Pfad ist dazu gedacht, dass er vollkommene Kontrolle über die Körperorgane und den Geist gibt, so dass der Yogi sich bei guter Gesundheit halten kann und nicht beeinträchtigt wird, während er dem Raja Yoga folgt, der ihn zu Kaivalya oder endgültiger Befreiung führt.

Vishnu-devananda

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen eigenen Guru gegrüßt hat.

Der Tradition folgend grüßt er zuerst seinen eigenen Guru, um die Vorzüge des Lehrens zu erlangen. Ihr müsst Euren Lehrer grüßen, denn Gott lässt durch ihn die Lehre Gestalt annehmen. Hier ist es Shiva, der durch Swatmaramas Lehrer Gestalt annimmt.
Raja Yoga bedeutet Kontrolle der Gedankenwellen, etwas, das ohne Hatha Yoga nicht möglich ist. Swatmarama spricht nicht über Asanas, nicht einmal über das physische Atmen, sondern über die feine Strömung, welche die Gedankenwellen hervorbringt.

Sukadev

2. Swatmarama Yogi gibt die Hatha Yoga Vidya einzig für die Erlangung von Raja Yoga heraus, nachdem er seinen Guru gegrüßt hat.

Hatha Yoga hat heute in Indien und eigentlich auch im Westen drei Grundmotivationen. Das erste ist zur Heilung, das zweite ist zur Erlangung von übernatürlichen Kräften, und das dritte ist zur Erleuchtung, zur Herrschaft des Geistes. Zur Selbstverwirklichung, Gottverwirklichung, Nirvana, Samadhi, wie auch immer wir das ausdrücken wollen. Und Swatmarama sagt hier also, er gibt die Hatha Yoga Pradipika heraus, das Wissen über Hatha Yoga, für die Selbstverwirklichung. In Indien hat Hatha Yoga auch als Heiltradition eine lange Geschichte. Hatha Yoga ist auch sehr viel mit Ayurveda in Verbindung. Ayurveda ist ja eines der vier großen medizinischen Heilsystem in Indien. Es ist nicht das einzige, wenn auch heute das bei Weitem bekannteste. Und wenn ihr die Hatha Yoga Pradipika durchlest, bzw. wenn wir sie durchlesen, werden wir öfters auch auf Ayurvedaterminologie stoßen. Wie zB. die sieben Dhatus, und wir stoßen auf die Doshas und stoßen auf Vata, Pita und Kapha, und wir stoßen auf Verdauungsfeuer, Agni, also alle möglichen Ausdrücke, und ich werde auch im Verlauf dieses Kurses auf diese Ausdrücke eingehen, und dann auch zu so ein paar Hinweisen kommen, eben, wie wirken die Pranayamas, die Asanas und die Kriyas und die Mudras auf die verschiedenen Doshas. Da muss ich sagen, dass sehr viele der Ayurvedaärzte heute das nicht wissen, und da zum Teil Dinge erzählen, die ins Hatha Yoga gehen, die zum Teil nicht ganz korrekt sind. Aber das liegt einfach daran, man kann nicht alles wissen. Das Hatha Yoga hat eben auch eine starke Verbindung mit der ayurvedischen Tradition, gerade was die Gesundheitsaspekte betrifft.

In Indien wurde Hatha Yoga auch zur Verjüngung praktiziert. Es gab auch in früheren Zeiten im Hatha Yoga Kliniken und Hatha Yoga Kayakalpakuren, die versucht werden, auch heute wiederzubeleben. Kayakalpa heißt, die Verjüngung des Körpers. Kaya heißt Körper, Kalpa heißt eigentlich Zeitalter. Das heißt, man will dem Körper ein neues Zeitalter geben. Es gibt manche Teile in Indien, wo Hatha Yoga erst ausgeübt wird, wenn man 50 ist. Als ich mal in Indien auf Reisen war, hat mich mal jemand gefragt, was ich so mache, und ich sagte: „Hatha Yoga, verschieden Yogas“. Und er fragte: „Hatha Yoga? You practise Hatha Yoga?“ Und ich sagte: „Ich mach jeden Tag Asanas und Pranayama.“ Da hat er gesagt: „Aber eigentlich praktiziert man doch erst ab 50, du bist doch noch so jung.“ „Wieso ab 50?“ Ja, wo er herkommt, da machen die Menschen Hatha Yoga erst, wenn sie alt werden. Dann werden sie nicht zum Pflegefall und haben ein erfülltes, energievolles, schönes Alter. Und ich sags auch, weil ja viele von Euch unterrichten, und es ist ja tatsächlich in Deutschland so, dass relativ viele Menschen ab 40, 50, 60 erst mit Yoga beginnen. Und manchmal sagen die, ich bin zu steif, zu alt, um Yoga zu machen. Und dann könnt ihr guten Gewissens sagen, dass gerade in Indien auch erst oft in dieser Lebensspanne Hatha Yoga angefangen oder verstärkt wird, um ein erfülltes Alter zu bekommen. So ab 65 hat man auch mehr Zeit dafür. Aber diese spezifische, intensive Form von Pranayama, viermal am Tag, ist nicht für 65-, 70-jährige geschrieben worden. Es wär vielleicht auch mal interessant. Aber ich muss sagen, die Menschen die ich kenne, die so intensiv geübt haben, und es sind nur eine Handvoll, die sind jünger gewesen. Wenn man 80 ist, die Haare alle weiß sind oder ausgefallen sind, die Zähne sind ausgefallen, da gibt’s dann bestimmte geheime Praktiken, die man ausführen kann, um den Körper wieder jünger werden zu lassen. Da wir in der Tradition von Swatmarama stehen, der die Hatha Yoga hauptsächlich praktiziert hat zur Erlangung von Samadhi, kenne ich diese fortgeschrittenen Formen von Kayakalpakuren nicht, kann sie euch deshalb nicht lehren. Sie sind auch nicht so einfach. Aber nichts desto trotz, obgleich Swatmarama sagt, die Gesundheitswirkungen des Yoga ist eigentlich nicht so, was ihn interessiert, erwähnt er zu beinahe jeder Übung auch die gesundheitlichen Wirkungen der Übung. Das heißt, das eine schließt das andere auch nicht aus, es kommt durchaus parallel. Die meisten von euch werden vermutlich Yogaschüler haben, die mehr aus gesundheitlichen und Wohlfühl- und Antistressgründen kommen, und das wirkt natürlich durchaus auch so.

Aber Swatmarama sagt, er unterrichtet’s nicht zur Gesundung, zur Stressbewältigung oder zur Verjüngung, obgleich er das immer wieder anspricht, dass es dafür gut ist. Der Hauptzweck ist RajaYoga, die Herrschaft über den Geist. Er hat ein hohes Ziel. Und ihr wisst aus meinen Vorträgen, in Indien wurde Hatha Yoga auch zu einem anderen Zweck gemacht.

Ein zweiter Grund, weshalb Menschen Hatha Yoga geübt haben und auch heute üben, ist heutzutage etwas mehr aus der Mode gekommen.Um Kräfte zu bekommen, Siddhis, und auch um Macht über andere zu bekommen. Gerade in den alten Schriften, in den Veden, in der Mahabharata, dem Ramayana und noch mehr in den Puranas, liest man von Ahuras, die jahrhundertelang Hatha Yoga praktiziert haben. Das wird so beschrieben: Sie haben ihren Körper in furchtbare Verrenkungen gebracht, blieben dort Ewigkeiten drin, hielten die Luft an Sie fasteten und aßen nur Kräuter und Früchte, verzichteten auf das Feuer. Rohköstler – Dämonen. Auch Heilige übrigens, auch Arjuna hat das ne ganze Weile gemacht. Und auf diese Weise haben sie dann Kräfte bekommen, Siddhis. Und diese haben sie dann aber missbraucht. Und weil sie sie dann missbraucht haben, musste sich nachher Gott inkarnieren, um ihnen die Kraft letztlich zu nehmen und ihnen die Konsequenzen ihres Karmas zu geben. O.K., also bitte missbraucht diese Kräfte nicht, sondern nutzt sie als Teil der Herrschaft des Geistes. Menschen wollen übernatürliche Fähigkeiten erreichen, und um diese zu erreichen, üben sie Hatha Yoga. In der Tat ist Hatha Yoga eine der schnellsten Weisen, wie man übernatürliche Fähigkeiten bekommt. Schnellsten ist natürlich relativ zu sehen, man muss dann schon intensiver üben. Ich will da gleich noch mal drauf zu sprechen kommen.

Auch Patanjali erwähnt ja im ersten Vers der Yoga Sutra, wer’s mal gelesen hat: Es gibt fünf Grundlagen für Siddhis. Wer erinnert sich noch? Für die übernatürlichen Kräfte? Das erste: Geburt: Manche haben’s einfach als Talent, es wird ihnen in die Wiege gelegt. Haben sie irgendwie im früheren Leben erreicht. Zweitens: Kräuter und Drogen. Es gibt bewusstseinserweiternde Drogen, von denen abgeraten wird, soweit sie sich nicht mit Hatha Yoga vertragen. Drittens: Mantras. Mantras, Zeremonien und Rituale. Viertens: Tapas. Tapas ist Askeseübungen. Und unter den ganzen Begriff von Tapas würden auch die Hatha-Yoga-Übungen dazugehören. Aber wenn man 42-Tage-Fasten gemacht hat, das ist auch eine Weise, wie man andere Wahrnehmungsvermögen entwickelt. Ich will das jetzt nicht raten, dass man das einfach so macht, da muss man schon innerlich drauf vorbereitet sein. Wenn man das erzwingt, kann man sogar seinen Darm schädigen. Aber ich hab’s mal gemacht und es war eine hochinteressante Erfahrung. Aber in der Tapas, dazu gehört eben auch die verschiedenen Hatha-Yoga-Intensivpraktiken. Und als fünftes: Durch Samadhi, durch’s Überbewusstsein.

Das sind also fünf Gründe oder fünf Ursachen, wie man übernatürliche Kräfte bekommt. Und in den Schriften wird immer davor gewarnt, nach übernatürlichen Kräften zu streben. Und es ist jetzt auch in der heutigen Yogaszene kaum mehr die Rede davon. Und es sind auch äußerst wenige Menschen, die mich fragen: Du, Sukadev, ich würde gerne lernen, auf Astralreise zu gehen, was kann ich machen? Per E-mail kriege ich solche Anfragen allerdings. Grad letzte Woche hab ich drei davon gekriegt. Der eine will wissen, wie er schweben kann. Der nächste wollte wissen – ich weiß es jetzt nicht hier – ich weiß es nicht. Ich gebe meistens dann ernst gemeinte Anworten, trotzdem. Es wird dann ja auch noch veröffentlicht unter ‚Fragen an Sukadev’ [auf der Website], so dass irgendjemand, der die ernsthafte Frage hat, . . . aber einige dieser Fragen, die waren nicht so übermäßig ernst gemeint. Gut, und ihr findet manchmal in alten Schriften etwas von irgendwelchen sowohl Meistern wie auch Asuras, die üben dann eine gewisse Zeitlang eine Menge Tapas, und dann erscheint ihnen ein Deva und der gewährt ihnen eine Gnade. Wer hat das schon mal gelesen? Relativ wenige beschäftigen sich mit indischer Mythologie. Wie die gute Fee im Märchen, nur dass man vorher viel Tapas üben muss. Da reicht’s nicht aus, nur irgendwie was zu sagen, sondern da muss man erstmal ein paar Jahre auf dem Kopf gestanden haben, und dann erscheint einem Indra oder Brahma oder manchmal sogar Shiva oder Durga. Anschließend kann man dann um einen Gefallen bitten, und der wird einem dann gewährt. Und manche sind klug genug, als Gefallen zu bitten, dass sie ihren Geist unter Kontrolle bekommen und sie fähig sind zur Selbstverwirklichung kommen. Und manche bitten, dass sie größer werden, kleiner werden, dass sie eine stärkere Ausstrahlung haben usw.

Inwieweit das wörtlich zu nehmen ist, sei dahingestellt, aber wer jemals mal zwo, drei Jahre seines Lebens vier Stunden Pranayama macht, der wird feststellen, dass dort bestimmte außergewöhnliche Erfahrungen und, wie kann man sagen, Fähigkeiten entstehen. Oder auch wenn man mal ein viertel oder halbes Jahr acht bis zwölf Stunden Pranayama am Tag macht, das führt auch zu bestimmten Fähigkeiten. Im Verlauf der Hatha Yoga Pradipika werden wir darauf zu sprechen kommen, denn die Hatha Yoga Pradipika ist eigentlich ein Begleitbuch für jemanden, der so intensiv praktizieren will. Es gibt auch Hinweise für die Bright Sight Hatha Yogis, wie die meisten Menschen hier. Aber, das muss ich euch so sagen, es ist hauptsächlich geschrieben für Menschen, die eine gewisse Zeitspanne, einen Monat oder ein halbes Jahr sich hauptsächlich dem intensiven Üben widmen wollen. Das mag jetzt recht radikal klingen, aber andererseits heißt es, dass 10 % der Menschen arbeitslos sind, die könnten das ja machen. Zum Zwoten, gibt’s ne ganze Reihe Menschen, die 60, 65 sind und frühpensioniert sind, und anstatt dann auf Weltreisen zu gehen, und noch ein Universitätsstudium zu absolvieren, oder zu versuchen, das Haus gründlich zu renovieren oder den Garten, das fänd’ jeder normal, wenn Leute acht Stunden am Tag im Garten verbringen. Aber wenn sie dann acht Stunden mit Pranayama verbringen, dann klingt das als abnormal und unnormal. Jetzt möchte ich euch fragen: Was ist besser für die Selbstverwirklichung? Acht Stunden am Tag im Garten zu verbringen oder acht Stunden am Tag Pranayama zu machen? Es hängt Vieles von der Einstellung ab. Ich hab jetzt bewusst zwei Sachen gewählt, die beide sattvig sind. Man kann’s vereinen, acht Stunden Pranayama und acht Stunden Gartenarbeit. Ich hätt’ n anderes Beispiel wählen sollen. Gut. So, aber zu eurer Beruhigung, Swatmarama bietet ja auch Hatha Yoga hauptsächlich für die Selbstverwirklichung an, eben nicht für übernatürliche Kräfte. Für die Selbstverwirklichung ist es jetzt nicht nötig, dass ihr so viel Pranayama macht. Da kann man’s kombinieren mit Meditation, mit Karma Yoga, mit Bhakti Yoga, mit Jnana Yoga, und mit dieser Einstellung kann man ja alles mögliche machen.

Hier ist noch interessant, und das ist auch etwas, was man für seine eigene Praxis macht: Die ersten beiden Verse sind fast etwas, was man sich selbst bewusst machen kann bei jeder Praxis. Er grüßt zuerst Gott. Dann sagt er: Wozu ist das gut, was er jetzt macht. Und als Drittes grüßt er den Guru. Das sollte man immer am Anfang der Praxis machen. Gott grüßen, den Guru grüßen, und sich bewusst machen: Wozu mach ich das? Zwar sollte man nicht zu konkret eine Zeittafel setzen: Bis in drei Wochen den Skorpion, bis in vier Wochen den Handstand, und in fünf Wochen Sarvikalpa Samadhi. Das wäre erwartungsorientiertes Denken und das führt nur zu Unruhe. Aber man kann sich sehr wohl sagen: „Ich werde jetzt eine halbe Stunde Pranayama üben, um meinen Geist zur Ruhe zu bringen für die Meditation als Vorbereitung für Samadhi.“ So können wir das sagen. Und dann können wir danach sagen: „Ich bitte dafür um den göttlichen Segen und die Führung durch meinen Meister.“ Und im Grunde genommen machen wir das hier, indem wir alles beginnen mit Gajananam oder anderen Mantras , schließen auch mit Shanti und dem Grüßen des Gurus. Und so leitet ihr ja auch eure eigenen Yogastunden ein.

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1. Kapitel, Vers 3

Deutsche Übersetzung:

An die, die den Zustand des Raja-Yoga nicht kennen, aufgrund von fehlerhafter Vorstellungen und vieler Wirren in der Dunkelheit, | gibt Svatmarama voller Mitgefühl die Leuchte des Hatha-Yoga weiter.

Sanskrit Text:

  • bhrāntyā bahu-mata-dhvānte rāja-yogam ajānatām |
    haṭha-pradīpikāṁ dhatte svātmārāmaḥ kṛpākaraḥ ||3||
  • भ्रान्त्या बहुमतध्वान्ते राजयोगम् अजानताम् ।
    हठप्रदीपिकां धत्ते स्वात्मारामः कृपाकरः ॥३॥
  • bhrantya bahu mata dhvante raja yogam ajanatam |
    hatha pradipikam dhatte svatmaramah kripakarah ||3||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhrāntyā : durch das Umherirren, durch Verwirrung (Bhranti)
  • bahu : vieler (Bahu)
  • mata : (Lehr-)Meinungen (Mata)
  • dhvānte : in der Dunkelheit (Dhvanta)
  • rāja-yogam : (den) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • ajānatām : (denjenigen, die) nicht erkennen (jnā)
  • haṭha-pradīpikāṁ : die Leuchte des (Hatha-Yoga)
  • dhatte : gibt, schenkt (dhā)
  • svātmārāmaḥ : Svatmarama
  • kṛpā : (des) Mitgefühls (Kripa)
  • ākaraḥ : (eine) Quelle (Akara)       ||3||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Der Autor sagt hier, dass es unmöglich ist, Raja Vidya durch irgendwelche anderen Mittel zu erlangen als über Hatha Vidya. Der Name des Autors, Swatmarama Yogi, ist sehr vielsagend. Er bedeutet: Einer, der seine Freude in der Gemeinschaft mit seinem höheren Selbst hat. Das stellt die letzte von sieben Stufen des Jnana dar. Die Srutis (Schriften) sagen, „der Brahmavarishta ist einer, der Vergnügen und Freude in seinem höheren Selbst findet“. Die sieben Stufen sind folgendermaßen in der Yoga Vashishta beschrieben:
Einer, der richtig zwischen dem Beständigen und dem Unbeständigem unterschieden hat, der ein Gefühl der Abneigung gegenüber weltlichen Vergnügungen gepflegt hat, der nach der Erlangung völliger Meisterung seiner Organe, physisch und geistig, ein ununterdrückbares Bedürfnis spürt, sich aus diesem Kreislauf des Daseins zu befreien, hat die erste Stufe erreicht: Subecha, oder das Bedürfnis nach der Wahrheit.
Jener, der, was er gelesen und gehört hat in seinem Leben, reflektiert und verwirklicht hat, hat die zweite Stufe erreicht: Vichara, oder die richtige Befragung.
Wenn der Geist nach der Überwindung des Vielen dauerhaft auf das Eine eingestellt bleibt,hat er die dritte Stufe erreicht: Tanumasana, oder das Ausdünnen des Geistes.
Bis jetzt ist er ein Sadhaka oder Ausführender. Wenn er durch die drei vorangegangenen Stufen seinen Geist ausgedünnt hat, in einen Zustand von reinem Sattva, wenn er die Wahrheit direkt in sich selbst findet, „Ich bin Brahman“, ist er auf der vierten Stufe: Sattvapati, oder die Erlangung des Zustandes von Sattva. Hier wird der Yogi Brahamavid (Kenner von Brahma) genannt. Bis jetzt übte er Samprajnata Samadhi, oder Kontemplation, wo das Bewusstsein der Dualität noch anhält.
Von da an bilden die drei verbleibenden Stufen das Asamprajnata Samadhi, d. h. kein Bewusstsein der Dreiheit: Wissender, Wissen und Gewusstes. Wenn der Yogi sich von den Siddhis, die sich auf dieser Stufe bilden, nicht beeindrucken lässt, erreicht er die Asamshakti genannte Stufe (von allem unbeeindruckt sein). Der Yogi wird nun Brahmavidvara genannt. Bis jetzt kümmert er sich um die Durchführung der notwendigen Pflichten nach seinem eigenen Willen.
Aber wenn er überall nichts anderes mehr als Brahman sieht, wird diese Stufe Pararthabhavani genannt, d. h., wo die äußeren Dinge nicht mehr in Erscheinung treten. Hier erfüllt der Yogi nur noch Funktionen, die ihm von anderen auferlegt wurden.
Er wird Brahmavidvaristha genannt, wenn er die siebente und letzte Stufe – Turiya erreicht hat. Er erfüllt seine Pflichten nicht mehr, seien sie nun von ihm selbst oder von anderen auferlegt. Er bleibt in einem Zustand von durchgehendem Samadhi. Dem Autor dieser Arbeit wird nachgesagt, er hätte diesen Zustand erreicht, wie sein Name Swatmarama andeutet.

Vishnu-devananda

3. Jenen, die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erreichen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Ihr könnt die Worte „Raja Yoga“ hier in der Bedeutung des Kontrollierens von Denkabläufen übersetzen. Jene, die unfähig sind, Raja Yoga zu erlangen, sind jene, die unfähig sind, ihre eigenen Gedanken zu kontrollieren, während sie meditieren. Ihre Gedanken hören nicht auf, hochzukommen. Das Ziel von Raja Yoga ist die Gedankenwellen zum Stillstand zu bringen, aber wenn ihr das nicht könnt, versucht euer Prana zu kontrollieren. Um Prana zu kontrollieren, kontrolliert den physischen Atem. Auf diesem Weg kommt ihr vom physischen zum feinen Prana und dann sogar zu einer noch feineren Ebene – zu den Gedanken. Da sie im Zusammenhang stehen, beeinflusst eines das andere.
Was meint er mit „streitenden Sekten“? Der eine wird sagen, jenes sei zu tun, ein anderer wird sagen, Mantras seien zu wiederholen, oder jenes zu tun. Hatha Yoga ist ein wissenschaftlicher Zugang, den Denkablauf in den Griff zu bekommen, indem man Prana in den Griff bekommt. Das ist erreicht, wenn es keine Wellen mehr gibt. Der Sehende sieht sein Selbst; Sehender und das Gesehene werden eins. Der Sehende erkennt sein sich selbst im Selbst. In diesem Zustand gibt es keine Vrittis (Gedankenwellen). Das ist ähnlich, wie in das helle Licht der Sonne zu schauen oder in das Fernlicht eines herankommenden Autos. Nach einer Weile seid ihr völlig geblendet. Wenn als Resultat des Ausführens von Pranayama die Vrittis wegfallen, wird das Raja Yoga genannt. Das ist der Zustand, wenn der Sehende das Selbst sieht.

Das „Licht von Hatha Vidya“ ist das Wissen von Hatha Yoga.

 

Sukadev

3. Jenen, die die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erlangen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Dunkelheit streitender – gut, hier in dem Text steht Sekten. Sekte ist jetzt ein Begriff, der im Deutschen eigenartige Konnotationen hat. Weltanschauungen wäre da korrekter. Es gibt so viele Weisen, wie wir das Göttliche sehen können, und wir können uns da gründlich drüber streiten. Ihr seid in der Hauptsache vertraut mit eigentlich zwei Hauptanschauungen: Die eine ist Vedanta und die zwote ist Tantra. Vedanta mitBrahma,Maya, Ishvara, ihr erinnert euch. Und Tantra mit ShivaShakti-Philosophie. Und dann gibt’s aber noch die Samkhya-Philosophie mit Purusha und Prakriti. Und dann gibt’s die Bhakti-Schulen, die von einem persönlichen Gott sprechen und dort sagen: Das Individuum kann niemals Gott werden, nur Gott nahe kommen, und das Ziel des Lebens ist es nicht, mit Gott Eins zu werden, sondern das Ziel des Lebens ist, sich zu befreien von allen Verhaftungen, dann geht man in eine höhere Welt ein, wie zB. Vaikuntha, und da ist die ewig befreite Einzelseele immer in der Gegenwart von Krishna. Oder im Christlichen gibt’s das ja auch, da gehen wir alle in den Himmel, und da ist Jesus und verschiedene andere, und dort sind wir dann auf ewig. Und dann gibt’s die Buddhisten, die streiten sich auch. Da gibt’s die Hinayana-Buddhisten, die sprechen vom Nichtselbst, es gibt gar kein Selbst, Nirvana ist einfach Nichts. Und dann gibt’s die Mahayana, die sagen, es gibt doch was, das Absolute, und wenn Buddha von Nirvana gesprochen hat, dann hat er niemals gemeint Nichts, sondern nur gemeint Alles. Und so kann man sich endlos streiten. Der Meister Eckhardt spricht von Gott und Gottheit, im Persönlichen und im Unpersönlichen, sehr ähnlich wie Brahman und Ishvara, andere sprechen dann nur von der Dreieinigkeit, und den unpersönlichen Gott gibt es nicht. Uns so kann man dann endlos diskutieren und erlangt niemals Kontrolle über den Geist. Es ist letztlich gut, wenn man sich schon etwas beschäftigt hat mit dem spirituellen Weg, eine Richtung zu wählen, so dass man letztlich weiß, wohin es geht, und dass man ein Deutungssystem hat für verschiedene spirituelle Erfahrungen, die man macht. Und dass man auch merkt, dass man nicht irgendwo stecken bleiben soll, sondern das man weitergeht. Und dafür ist es dann gut, einen philosophischen Bezugsrahmen zu haben, eine Weltanschauung. Man sollte sich aber immer bewusst sein: Eine Weltanschauung ist niemals die Wahrheit, sondern ist immer nur ein Modell. So wie es ja auch in der Physik die verschiedensten Modelle gibt. Und ist ja auch heutzutage so weit, immer mehr sagen, es wird niemals eine allumfassende Weltformel geben, sondern man kann nur verschiedene Modelle für verschiedene Phänomene nehmen, aber richtig zusammenkriegen tut man die nie. Z.B. gibt’s die Newtonsche Physik, von der ihr vielleicht gehört habt, die ist gültig in bestimmten Teilen der Welt, sie ist nicht überall gültig, also in bestimmten Spektren der Natur ist sie gültig, und mit ihrer Anwendung kann man sehr gut Resultate haben, sehr gute technische Anwendungen. Und dann gibt’s die Quantenphysik, die geht ganz anders als die Newtonsche Physik, und es gibt noch andere Aspekte der Physik. Es gibt zwar immer wieder Versuche, das alles miteinander zu verbinden, aber bisher gibt’s noch keine Weltenformel. Und so ähnlich auch, ob jetzt Vedanta, Tantra, ob Samkhya oder andere Traditionen, es sind alles nur Abbilder. Und irgendwann müssen wir zur Erfahrung kommen. Und die Erfahrung selbst ist nicht in Worte zu fassen. Und so war Hatha Yoga, ist Hatha Yoga letztlich religionsübergreifend und weltanschauungsübergreifend. Auch in Indien war Hatha Yoga von Angehörigen verschiedener Religionen praktiziert worden. Hatha Yoga ist sicher sehr eng mit Hinduismus verbunden, aber es gibt in Indien auch andere Religionen wie Jainismus und Buddhismus und Sikhismus, die alle auch Hatha Yoga geübt haben. Einige von euch haben vielleicht mal von Kundalini von Yogi Bhajan gehört. Der stammt aus der Sikh-Tradition und da gibt es eben auch Yoga. Nicht ganz so, was wir hier lernen, aber die Begriffe, mit dem Chakra, Kundalini, sind doch sehr ähnlich. Das Ziel wird auch ähnlich formuliert, aber im Rahmen einer anderen Religion. Oder, wer von euch kennt das Buch: Die fünf Tibeter? Würd’ mich jetzt grad mal interessieren, wie weit das verbreitet ist in Yogalehrer Kreisen – sehr verbreitet. Und es gibt eben auch Hatha Yoga im Buddhismus, insbesondere im tibetischen Buddhismus. Einer der verbreitetsten Hatha-Yoga-Lehrer unserer Zeit, der Krishnamacharya, der hat von Hatha Yoga Vieles in Tibet gelernt und nicht in Indien. In Tibet von buddhistischen Hatha Yogis. Das ist zum großen Teil vernichtet durch die chinesische Unterdrückung, und die Exiltibeter geben diese Techniken eigentlich wenig weiter. Die Pranayamas und auch Asanas, die sie dort vielleicht noch gelernt haben. Gut, und auch im Jainismus gibt’s Hatha Yogis. In Indien sind auch die Religionen nie so getrennt gewesen, wie das hier ist. Hier weiß jeder, ist er jetzt Christ. Oder Heide oder Jude oder Moslem, das ist relativ klar. Aber in Indien war das so klar nicht. Es gibt einige Heilige, da weiß man’s bis heute nicht, zB. Kabir. War der Moslem oder Hindu? Die Hindus behaupten mit Vehemenz, er war Hindu, und die Moslems behaupten, er war Moslem. Aber klar ist das nicht. Oder der Shirdi Sai Baba, war der Moslem oder war der Hindu? Und wenn’s dann zwischen Jains und Hindus und Sikhs geht, da ist die Grenze noch schwieriger. In China ist das auch so üblich. Da gab’s ja Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus parallel. Und die gelten als drei Weltreligionen, aber die meisten Chinesen waren Anhänger aller drei. So sind also, eigentlich muss man sagen, heutzutage ist man gewohnt, im Namen aller Religionen sind so viele Kriege entstanden. Das ist aber weltweit was Außergewöhnliches. Die Christen sind die Erfinder der Religionskriege, und die Moslems haben’s weiterverbreitet. Und leider haben sich dann unter dem Einfluss die Hindus ein bisschen militarisieren lassen, und haben dann auch beispielsweise im Sri Lanka mit dem Buddhismus Schwierigkeiten. Aber eigentlich sind’s nicht Hinduismus-Buddhismus, es sind Lankesen-Tamilen-Probleme, die sind eher ethnisch als religiös. Aber das läuft dann parallel.

So sind in Indien über viele Jahrtausende die Weltanschauungen und Religionen parallel gelaufen. Und Swatmarama fordert dann noch mal auf, sich nicht zu streiten, sondern Hatha Yoga zu praktizieren. Das wird zur Kontrolle über den Geist führen. Ist der Geist unter Kontrolle, dann können wir gut meditieren, zu Samadhis gehen, und dann erfahren wir die Wirklichkeit und können sie dann leider nicht in Worten ausdrücken. Ein altes Beispiel sind ja Blinde. Angenommen wir wären alle blind hier, und jetzt gäb’s einen, der würde uns eine Operation machen, Katarakt-Operation, und anschließend könnten wir sehen. Dann wären wir sehend, und jetzt versuchen wir, den anderen zu erklären, wie es ist, Farben zu sehen. Wird das erfolgreich sein? Nein. Und dann jemand anders gelingt es, auch wieder zu sehen, und dann sieht er: Ah, so hat er’s gemeint, und jetzt versucht er, es den anderen zu erklären. Und vielleicht aus Mitgefühl für den anderen wird jeder versuchen, das in Worte zu fassen, was man da so sieht. Es ist nicht in Worte zu fassen. Und dann können die sich natürlich streiten. Und dann gibt’s die verschiedenen Schulen: Was sind Farben? Und eine Gruppe der Blinden ist der einen Meinung, und eine andere Gruppe der Blinden ist anderer Meinung, was Farben sind. Und dann muss man natürlich noch Kanonen nehmen, denn der die besseren Waffen hat, der hat natürlich Recht. So ist es, wenn im Namen von Religionen Kriege geführt werden. Die Blinden versuchen, den andern Blinden zu erklären, was Farbe ist. Statt dessen sollte man praktizieren, dann erfährt man es, kann es aber auch wieder nur beschränkt kommunizieren.

Swatmarama sagt, es ist letztlich egal, welche Weltanschauung man hat. Man soll praktizieren. Wenn man praktiziert, entsteht das Licht, und dann wird man feststellen, was richtig ist. Üben ohne feste Weltanschauung ist ganz im Sinne des Autors der Hatha Yoga. Dann könnt ihr also für euch selbst wissen, und auch für die Schüler, die euch fragen, Hatha Yoga war auch in Indien weltanschauungsübergreifend.

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1. Kapitel, Vers 4

Deutsche Übersetzung:

Die Wissenschaft des Hatha-Yoga ist unzweifelhaft dem Matsyendra, Gorakshsa und anderen bekannt. | Durch deren Gunst kennt Yogi Svatmarama sie.

Sanskrit Text:

  • haṭha-vidyāṁ hi matsyendra-gorakṣādyā vijānate |
    svātmārāmo’thavā yogī jānīte tat-prasādataḥ ||4||
  • हठविद्यां हि मत्स्येन्द्रगोरक्षाद्या विजानते ।
    स्वात्मारामोऽथवा योगी जानीते तत्प्रसादतः ॥४॥
  • hatha vidyam hi matsyendra gorakshadya vijanate |
    svatmaramah athava yogi janite tat prasadatah ||4||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • haṭha : (des) Hatha(-Yoga)
  • vidyāṁ : (die) Wissenschaft (Vidya)
  • hi : gewiss, zweifellos (Hi)
  • matsyendra : Matsyendra
  • gorakṣa : Goraksha
  • ādyāḥ : und andere („die … zum Anfang haben“, Adya)
  • vijānate : kennen (vi + jnā)
  • svātmārāmaḥ : Svatmarama
  • atha vā : und (Atha Va)
  • yogī : (der) Yogi
  • jānīte : kennt (diese Wissenschaft, jnā)
  • tad : dieser (Meister, Tad)
  • prasādataḥ : durch die Gunst (Prasada)       ||4||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

4. Matsyendra, Goraksha und anderen war Hatha Vidya wohl bekannt. Der Yogi Svatmarama lernte es durch ihre Gunst.

Das ist der Beginn der Aufzählung einer Verbindungsreihe derer, die dieses Wissen empfingen. Gemäß der Tradition, durch die Gnade Shivas, war Yogi Matsyendra ein Fisch, der in ein menschliches Wesen umgewandelt wurde und Hatha Vidya von Shiva selbst empfangen hat. Wissen kommt nicht von irgendwoher. Es ist wie Milch, die nur von Euter einer Kuh kommt. Ihr könnt nicht das Ohr melken. Genauso ist es mit dem Guru. Wissen mag überall sein, aber ihr könnt das Wissen von nirgendwo anders als über die Verbindungslinie Guru-Schüler bekommen. So lehrte Shiva Matsyendranath, Matsyendranath seinen Schüler Gorakshanath, und durch ihre Gnade kam es dazu, dass Svatmarama, der Autor dieses Buches, Hatha Yoga lernte. In Sanskrit heißt das „Guruparampara“.

Sukadev

4. Matsyendra, Goraksha und anderen war Hatha Vidya wohl bekannt. Yogi Swatmarama lernte es durch ihre Gunst.

Das sind also zwei der wichtigsten Gurus. Vom Matsyendra habt ihr schon gehört. Wer war Matsyendra? Der Fisch, der zum Menschen wurde und so der erste Hatha-Yoga-Meister in der Mythologie war. Goraksha, auch Gorkanath genannt, dort gibt’s jede Menge von Legenden. Der ist in ganz Indien, vor allem in Nordindien sehr bekannt als ein Siddha, einer der die Verwirklichung erreicht hat beziehungsweise alle möglichen Siddhis hatte. Es sind ne ganze Reihe von interessanten, manchmal auch eigenartigen Geschichten. Er ist zB. auch der Yogi, der seine Schüler auf die Probe gestellt hat. Er hat gesagt, wer mir wirklich hingegeben ist, der steigt jetzt auf diesen Baum hoch und stürzt sich in diesen Dreizack, der hier unten ist. Und dann gab’s natürlich kaum einen Schüler, der das gemacht hatte, aber einen gab’s, der ist hochgegangen und hat sich tatsächlich runtergestürzt, der Dreizack hat sich aufgelöst und er hat statt dessen die Erleuchtung erlangt. Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen.

Gut, aber hier das Wichtige: Yogi Swatmarama lernte es durch Gunst. Im ganzen Hatha-Yoga-System steckt auch die Energie und die Gnade der Meister darin. Nicht nur der gegenwärtigen, sondern auch der vergangenen Meister. Das heißt zum Einen, dass viele der Hatha Yoga Meister Siddhas geworden sind, das heißt solche, die die Verwirklichung oder fast die Verwirklichung erreicht haben, aber nicht ihre Individualität aufgegeben haben, sondern sie bleiben als feinstoffliche Wesen da und führen die Schüler, wenn sie auf dem Weg sind und wirklich bereit sind, zu praktizieren und Hingebung zeigen. Das gilt jetzt aber nicht nur für die, von denen es heißt, dass sie tatsächlich noch als Individuen existieren in der feinstofflichen Ebene, sondern eigentlich jeder Meister. Jeder Meister und jede Meisterin hinterlässt Spuren in der Astralwelt, in der sogenannten Akashachronik, in der Gedankenwelt, man könnte auch sagen, hinterlässt ein morphogenetisches Feld, auf das wir uns einstimmen können. Und das ist ein wichtiger Aspekt, wenn wir praktizieren, dass wir uns auf diese Meister einstimmen, und dann wirken die Asanas ganz anders. Bei den Asanas und Pranayamas ist nicht nur was wir physisch machen von Bedeutung, sondern auch, wie unsere Konzentration ist. Und unser spiritueller Fortschritt hängt nicht nur von unserer Technik, sondern auch von der Gnade Gottes beziehungsweise der Gnade des Gurus ab. Und diese Gnade kann man erfahren, wenn man darum bittet und sich öffnet. Und jetzt die nächsten Verse sind die Hatha Yoga Guru Parampara Verse. Das heißt, dort werden die großen Meister der Hatha Yoga Tradition erwähnt.

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1. Kapitel, Vers 5

Deutsche Übersetzung:

Shiva, Matsyendra, Shavarananda, Bhairava, Chaurangi, Mina, Goraksha, Virupaksha, Bileshaya;

Sanskrit Text:

  • śrī-ādinātha-matsyendra-śābarānanda-bhairavāḥ |
    cauraṅgī-mīna-gorakṣa-virūpākṣa-bileśayāḥ ||5||
  • श्रीआदिनाथमत्स्येन्द्रशावरानन्दभैरवाः ।
    चौरङ्गीमीनगोरक्षविरूपाक्षबिलेशयाः ॥५॥
  • shri adi natha matsyendra shabarananda bhairavah |
    chaurangi mina goraksha virupaksha bileshayah ||5||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • śrī : der erhabene (Shri)
  • ādi-nātha : uranfängliche Herr, Beschützer, Gebieter (Adinatha)
  • matsya-indra : Matsyendra („Herr der Fische“)
  • śābara : Shabara
  • ānanda-bhairavāḥ : Anandabhairava („der Schreckliche, der Glückseligkeit bringt“)
  • cauraṅgī : Chaurangin
  • mīna : Mina („Fisch“)
  • go-rakṣa : Goraksha („Kuhhirt“)
  • virūpa-akṣa : Virupaksha („der unförmige Augen hat“)
  • bile-śayāḥ : Bileshaya („Schlange, Maus“)      ||5||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

5.- 9. Shiva, Matsyendra, Sabara, Anandabhairava, Chourangi, Meena, Goraksha, Virupaksha, Bilesaya, Manthana, Bhairava, Siddhi, Buddha, Kanthadi, Korantaka, Surananda, Siddhapada, Charpati, Kaneri, Pujyapada, Nityanatha, Niranjana, Kapali, Bindunatha, Kaka Chandeeswara, Allama, Prabhudeva, Ghoda, Chodi, Tintini, Bhanuki, Naradeva, Khanda, Kapalika und viele andere große Siddhas, die mit Hilfe der Macht von Hatha Yoga die Zeit überwunden haben, durchwandern die Welt.

Es gibt viele große Yogameister. Allein schon ihren Namen zu hören, ist, wie ihren Segen zu bekommen. Oben finden sich einige Hatha Yoga Meister, die Siddhis erlangten. Sie haben sich nicht nur Mächte angeeignet, sondern viel wichtiger, sie waren auch fähig, über Zeit und Raum hinauszudringen und sich auf allen vierzehn Ebenen zu bewegen, weil sie fähig waren, ihr Prana in die Sushumna zu leiten. Manchmal kommen sie auf die physische Ebene, um der Menschheit zu helfen, wenn sie bereit für sie ist. Wenn nötig, konnten sie sogar ihren physischen Körper am Leben erhalten, indem sie Prana in die Sushumna brachten. Man kann den Verfall des physischen Körpers aufhalten, indem man Ida und Pingala aufhält und die Sushumna aktiviert. So ein Wesen, dessen Energie sich durch die Sushumna bewegt, wird Siddha genannt. Für es gibt es weder Tag noch Nacht, weder Geburt noch Tod.
Der Buddha, auf den oben Bezug genommen wird, ist nicht der Buddha, den die meisten von euch kennen. Er ist einer der Hatha Yoga Meister.

Sukadev

5.- 9. Siva, Matsyendra, Sabara, Anandabhairava, Chourangi, Meena, Goraksha, Virupaksha, Bileysaya, Manthana, Bhairava, Siddhi, Buddha, Kanthadi, Korantaka, Surananda, Siddhapada, Charpati, Kaneri, Pujyapada, Nithyanatha, Niranjana, Kapali, Bindunahtha, Kaka Chandeeswara, Allama, Prabhudeva, Ghoda, Chodi, Tintini, Bhanuki, Naradva, Khanda, Kapalika,

und weiter steht dann noch da auf deutsch

– und viele andere große Siddhas, die mit Hilfe der Macht von Hatha Yoga die Zeit überwunden haben, durchwandern die Welt.

In der Hatha Yoga gibt’s ein Konzept, das nennt sich Siddhas. Das ist jetzt was anderes, als eine spirituelle Gruppe, die im Westen und in Ganeshpuri ist, die ein Yogi Siddha-Yoga genannt hat, und das als Markenzeichen hat schützen lassen. Aber hier ist der Begriff Siddhas in einem anderen Zusammenhang verwendet. Siddha, derjenige, der Körper und Geist transzendiert hat, aber auf feinstoffliche Weise weiter existiert.

Hier heißt Siddhas Menschen, die die Vollkommenheit erreicht haben, aber nicht mitBrahman verschmolzen sind, sondern auf subtile Weise weiter existieren und uns erscheinen können und uns helfen können, wenn wir uns an sie wenden und intensiv praktizieren. Und so heißt es, wenn wir intensiv praktizieren, dass wir tatsächlich Hilfe bekommen aus einer höheren Ebene. Und plötzlich hat man das Gefühl, dass es irgendwie leichter geht, dass einer einem hilft. Es gibt sieben höhere und sieben niedere Ebenen, also verschiedene Dichtheitsstufen. Die meisten von euch sind vertraut mit dem Dreistufenmodell, physische, astrale und kausale Ebene. Gut, ihr seit auch vertraut mit dem 7-Chakramodell, welches sieben Ebenen sind. Da gibt es drei astrale, zwei Kausalebenen eine höhere Ebene. Und dann gibt’s noch kondensiertere Ebenen als die Erdebenen, das sind die sieben niederen Ebenen, die Patala-Lokas, wo dann die Asuras sind, und die dann von diesen niederen Ebenen manchmal auf die Erdebenen kommen. Das ist damit gemeint.

Viele Menschen, die intensiv Hatha Yoga praktizieren, erfahren auch solche Visionen, während sie gerade nach einer mehrstündigen Praxis die Augen aufmachen, dort sehen sie, wie ein Meister vor ihnen sitzt oder steht oder während sie intensiv Pranayama üben, und sie nicht weiter wissen, plötzlich sehen sie dort jemand und der sagt: „Mach noch das und das weiter“. Also solche Meister sind da und können einem helfen. Und um eine Atmosphäre zu schaffen, dass diese Meister auch kommen, ist natürlich auch hilfreich, wenn man den Raum, in dem man praktiziert, sattvig macht, dass insgesamt Sattva ausstrahlt. Man muss sich das so vorstellen, die Meister können zwar auch die physische Welt wahrnehmen, aber da ist soviel. Wenn sie jetzt feststellen wollen, wo ist da ein Aspirant, der gerade praktiziert, dann können sie nicht alle sechs Milliarden Menschen abklappern, aber sie können sehen, wo geht gerade eine Lichtenergie aus, wo die Aura eben so beschaffen ist, dass dort jemand praktiziert. Und dieser Raum, wo dieser Mensch dann praktiziert, der wird dann auch Segen bekommen von Engelswesen und den großen Meistern. Wenn sie praktizieren, können sie auch reingehen. Daheim ist es jetzt schwierig. Ja. Weshalb man sagen würde, wenn du jetzt ne sehr intensive Pranayamapraxis machen willst, wäre es dann gut, ne Weile woandershin zu gehen. Ansonsten, man kann nicht immer die idealen Umstände haben. Dann vielleicht einen Teil des Raumes abtrennen, wo du dich immer hinsetzt. Auch der Raum lädt sich auf, selbst wenn andere Menschen auch dorthin gehen.

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1. Kapitel, Vers 6

Deutsche Übersetzung:

Manthano, Bhairava, Yogi-Siddhi, Buddha und Kanthadi, | Korantaka, Surananda, Siddhapada und Charapti;

Sanskrit Text:

  • manthāno bhairavo yogī siddhir buddhaś ca kanthaḍiḥ |
    koraṇṭakaḥ surānandaḥ siddhapādaś ca carpaṭiḥ ||6||
  • मन्थानो भैरवो योगी सिद्धिर् बुद्धश् च कन्थडिः ।
    कोरंटकः सुरानन्दः सिद्धपादश् च चर्पटिः ॥६॥
  • manthano bhairavo yogi siddhir buddhash cha kanthadih |
    korantakah suranandah siddhapadah cha charpatih ||6||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • manthānaḥ : Manthana („der Schüttler“)
  • bhairavaḥ : Bhairava („der Furchtbare“)
  • yogī : (der) Yogi
  • siddhiḥ : Siddhi („Erfolg“)
  • buddhaḥ : Buddha („der Erwachte“)
  • ca : und (Cha)
  • kanthaḍiḥ : Kanthadi
  • koraṇṭakaḥ : Korantaka
  • sura-ānandaḥ : Surananda („dessen Glückseligkeit Gott ist“)
  • siddha-pādaḥ : Siddhapada („erhabener Siddha„)
  • ca : und
  • carpaṭiḥ : Charpati        ||6||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 7

Deutsche Übersetzung:

Kaneri, Pujyapada und Nityanatha, Niranjana | Kapaali, Bindunatha und der als Kakachandishvara bekannt ist;

Sanskrit Text:

  • kānerī pūjya-pādaś ca nitya-nātho nirañjanaḥ |
    kapālī bindu-nāthaś ca kāka-caṇḍīśvarāhvayaḥ ||7||
  • कानेरी पूज्यपादश् च नित्यनाथो निरञ्जनः ।
    कपाली बिन्दुनाथश् च काकचण्डीश्वराह्वयः ॥७॥
  • kaneri pujya padash cha nitya natho niranjanah |
    kapali bindu nathash cha kak achandishvarahvayah ||7||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • kānerī : Kanerin
  • pūjya-pādaḥ : Pujyapada „dessen Füße (Pada) zu verehren (Pujya) sind“
  • ca : und (Cha)
  • nitya-nāthaḥ : Nityanatha („ewiger Beschützer, ewiger Herr“)
  • nirañjanaḥ : Niranjana („der ohne Schminke, der Reine“)
  • kapālī : Kapalin („der eine Hirnschale als Bettelschale trägt“)
  • bindu-nāthaḥ : Bindunatha („Herr des Tropfens, Herr des Samens“)
  • ca : und
  • kāka-caṇḍī-īśvara : Kakachandishvara („Herr der Chandi in Form einer Krähe“)
  • āhvayaḥ : mit Namen (Ahvaya)      ||7||

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Vishnu-devananda

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1. Kapitel, Vers 8

Deutsche Übersetzung:

Allama, Prabhudeva und Ghoda, Choli und Tintini, | Bhanuki, Naradeva und Khanda, Kapalika sind diese.

Sanskrit Text:

  • allāmaḥ prabhu-devaś ca ghoḍācolī ca ṭiṇṭiṇiḥ |
    bhānukī nāra-devaś ca khaṇḍaḥ kāpālikas tathā ||8||
  • अल्लामः प्रभुदेवश् च घोडा चोली च टिंटिणिः ।
    भानुकी नारदेवश् च खण्डः कापालिकस् तथा ॥८॥
  • allamah prabhudevash cha ghodacholi cha tintinih |
    bhanuki naradevash cha khandah kapalikas tatha ||8||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 9

Deutsche Übersetzung:

Diese und weitere großartige Meister, die durch das Hatha-Yoga gekommen sind, | sie überwanden die Zeit und bestehen ewig fort.

Sanskrit Text:

  • ity-ādayo mahā-siddhā haṭha-yoga-prabhāvataḥ |
    khaṇḍayitvā kāla-daṇḍaṁ brahmāṇḍe vicaranti te ||9||
  • इत्य् आदयो महासिद्धा हठयोगप्रभावतः ।
    खण्डयित्वा कालदण्डं ब्रह्माण्डे विचरन्ति ते ॥९॥
  • ity adayo maha siddha hatha yoga prabhavatah |
    khandayitva kala dandam brahmande vicharanti te ||9||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • ity-ādayaḥ : diese und andere (die „so beginnenden“, Iti Adi)
  • mahā-siddhāḥ : große (Maha) Siddhas („vollendete Wesen, Meister“)
  • haṭha-yoga : (des) Hatha Yoga
  • prabhāvataḥ : durch die Macht, Kraft (Prabhava)
  • khaṇḍayitvā : nachdem sie zerbrochen haben (khaṇḍ)
  • kāla : (der) Zeit, (des) Todes (Kala)
  • daṇḍaṁ : (den) Stab (Danda)
  • brahma-aṇḍe : im Universum, in der Welt („Ei Brahmans“, Brahmanda)
  • vicaranti : wandeln umher (vi + car)
  • te : diese (Tad)   ||9||

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Brahmananda

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Vishnu-devananda

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Sukadev

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1. Kapitel, Vers 10

Deutsche Übersetzung:

Für die, die durch Leiden geplagt werden, ist das Hatha-Yoga die Herberge, die Zuflucht gibt. | Für die, die im Zustand des Yoga verweilen, ist Hatha-Yoga die unterstützende Schildkröte.

Sanskrit Text:

  • aśeṣa-tāpa-taptānāṁ samāśraya-maṭho haṭhaḥ |
    aśeṣa-yoga-yuktānām ādhāra-kamaṭho haṭhaḥ ||10||
  • अशेषतापतप्तानां समाश्रयमठो हठः ।
    अशेषयोगयुक्तानाम् आधारकमठो हठः ॥१०॥
  • ashesha tapa taptanam samashraya matho hathah |
    ashesha yoga yuktanam adhara kamatho hathah ||10||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • aśeṣa : (von) allen, sämtlichen (Ashesha)
  • tāpa : Leiden, Qualen (Tapa)
  • taptānāṁ : für diejenigen, die gepeinigt werden (Tapta)
  • samāśraya : (die) Zuflucht (gewährt, Samashraya)
  • maṭhaḥ : (eine) Hütte, Einsiedelei (Matha)
  • haṭhaḥ : (ist) Hatha(-Yoga)
  • aśeṣa : vollkommen, vollständig, sämtliche
  • yoga : (im) Yoga, (in der) Yogapraxis; oder: in (sämtlichen) Yogapraktiken
  • yuktānām : für diejenigen, die beschäftigt sind („konzentriert sind“, Yukta)
  • ādhāra : (die eine) Stütze, feste Grundlage (ist, Adhara)
  • kamaṭhaḥ : (wie eine) Schildkröte (Kamatha)
  • haṭhaḥ : (ist) Hatha(-Yoga)     ||10||

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Brahmananda

Die drei Tapas sind: Adhyatmika, Adhidaivika und Adhibhutika. Adhyatmika gibt es in zwei Ausprägungen: körperlich und geistig. Adhidaivika sind jene Leiden, die von planetaren Einflüssen verursacht werden und Adhibhutika sind jene, die von Tigern, Schlangen etc. verursacht werden.

Vishnu-devananda

10. Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für die von den drei Tapas (Leiden) Heimgesuchten. Für all diejenigen, die sich mit der Yogapraktik beschäftigen, ist Hatha Yoga wie die Schildkröte, die die Welt trägt.

Sukadev

10. Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für die von den drei Tapas ( Leiden) Heimgesuchten.

Also hier kommen jetzt die Eigenschaften des Schülers. Taapas.

Das ist jetzt ein langes a. Es gibt Tapas, was diese Askeseübungen sind, beziehungsweise alle intensive Praxis wird als Tapas bezeichnet. Hier das mit dem langen a, das ist Taapas, Leiden. Man kann sagen Tapas hilft, Taapas zu überwinden. Also Hatha Yoga ist eine beschützende Zuflucht für alle, die von den drei Leiden heimgesucht sind. Und diese drei Leiden werden in verschiedenen Kommentaren unterschiedlich definiert. Es gibt zB. die Definitionen in Hatha Yoga Atmika, Adhidhaivika und Adibhautika. Die findet ihr auch dort im Kommentar der Hatha Yoga Pradipika. Also, Ahdyatmika, das heißt die von uns selbst zugefügten Leiden. Und Adhidhaivika, das ist von höherer Gewalt zugefügten Leiden. Und dann gibt es Adhibhautika, das heißt die von anderen zugefügten Leiden. Also, der größte Teil der Leiden, wer fügt die uns zu? Wir selbst. Also die Adhiatmikataapa übertreffen die anderen bei Weitem.

Das kann man auch nennen subjektiv-objektive Leiden, das sind Leiden, die entstehen aus dem Zusammenlaben mit anderen Menschen. Probleme bei der Arbeit, Probleme bei der Partnerschaft und so weiter. Wenn man sich mal so überlegt, worunter wir alle leiden. Ist es wirklich notwendig, darunter zu leiden? Ist es in den meisten Fällen nicht. Aber es gibt auch von anderen zugefügte Leiden. Jemand haut einem den Arm ab, oder so. Und dann gibt’s höhere Gewalt. Und höhere Gewalt ist eben z.B. ein Fluss tritt über die Ufer und überschwemmt halb Dresden. Das fällt alles unter Adhidaivika, ein objektives Leiden. Da ist zumindest nicht direkt ein einzelner Mensch für verantwortlich, sondern da sagt man, das ist höhere Gewalt, das ist Adhidaivika. Adhiatmika, Adhibautika. Adhidaivika – Daivika – da steckt auch so was wie Deva drin, also Engelswesen, Planetenwesen, aber eben auch höhere Gewalt, Naturgewalt. An die denken wir vielleicht in unserer Zivilisation weniger. Im alten Indien gab es halt regelmäßig Hungersnöte wegen zu wenig Wasser, oder Überschwemmungen, zu viel Wasser, oder Vulkan – gut, Vulkanausbrüche weniger – aber Erdbeben gab’s immer wieder. Aber dieses Jahr haben wir auch in Deutschland gesehen, auch die Naturgewalten sind weiter machtvoll.

Gut, es gibt auch noch eine andere Definition. Es gibt körperliche Leiden, es gibt Leiden des Astralkörpers, was geistiges und emotionelles Leiden ist, und es gibt spirituelle Leiden. Körperliches Leiden sind alle Arten vom Krankheiten. Emotionell-geistiges Leiden, ich glaube, darunter kann sich jeder was vorstellen. Liebeskummer und Eifersucht und Ärger und so weiter. Und Nichterfüllung von Wünschen, Frustration, Depression, alles so emotionelle Leiden. Und dann gibt’s spirituelle Leiden. Was ist ein spirituelles Leiden? Nicht befreit zu sein. Sich bewusst zu sein: Ich bin gebunden. Wo wir es wirklich als großes Leiden empfinden, dass wir nicht selbstverwirklicht sind. Und manche Menschen wissen es nicht, was Selbstverwirklichung ist. Ihr erinnert euch an Subecha, das Verlangen nach Wahrheit, was verbunden ist mit Vairagya: Man weiß, nichts auf der physischen Ebene kann einen glücklich machen. Man weiß zwar, man könnte vielleicht, wenn man sich anstrengt, Erfolg im Beruf haben, vielleicht wär’s auch ganz nett, eine Familie zu haben, aber leben in Familie und Beruf allein kann einen nicht befriedigen. Das ist dann ein spirituelles Leiden. Oder man hat schon mal die Gegenwart Gottes gespürt, und jetzt ist er weg. Manchmal ist es besser, niemals Gott gespürt zu haben. Denn wenn’s dann Phasen gibt, wo man nichts spürt, das ist ein riesiges Leiden. Das ist so ähnlich, wie wenn ihr mal wirklich sehr verliebt wart, und dann plötzlich sieht man den anderen nicht mehr, und weiß noch nicht mal, mag er einen noch, und das noch potenziert, dass ist die Liebesbeziehung, die man zu Gott haben kann. Nicht muss, aber es gibt eine ganze Reihe, bei denen das durchaus so sein kann. Also drei Arten von Leiden.

Manchmal werden diese Verse auch interpretiert als die Eigenschaften des Schülers. Ich hatte euch gesagt, die Hatha Yoga Pradipika fängt so an, wie andere Schriften auch. Erst zu sagen, erst wird Gott gegrüßt, dann wird gesagt, Wozu ist diese Schrift, drittens wird gesagt, wird dann der Guru gegrüßt. Dann, als Viertes: Welche Eigenschaften muss ein Schüler haben, um für diese Art von Unterweisung geeignet zu sein? Die Qualifikation des Schülers. Angenommen, ihr habt eine Yogalehrer Ausbildung machen wollen, da steht was drin von Vorbedingungen: Bereitschaft für intensive Praxis, Vorkenntnisse in Hatha Yoga und Yogaphilosophie. Das sind die Qualifikationen, die man braucht. Oder angenommen, ihr wollt Mathematik studieren, was braucht ihr als Qualifikation? Abitur, und, ich weiß nicht, ob’s noch nen Numerus Clausus gibt. Gibt’s für n Mathestudium? Also das sind die Qualifikationen. Und so gibt’s beispielsweise für den Jnana Yoga Bücher, da werden auch die Qualifikationen eines Schülers aufgeführt. Und dazu gehört z.B. Viveka, Vairagya, Mumukshutva und Shatsampat. Das sind auch die vier Eigenschaften, die im Schüler erwachen. Und in manchen Büchern, z.B. in den Büchern von Shankaracharya, da steht drin, dass nur der von diesen Unterweisungen profitieren wird, der schon Vairagya, Verhaftungslosigkeit, hat, Viveka, Unterscheidungskraft zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen, dann Mumukshutva, intensives Verlangen nach Befreiung, und Shatsampat, was vereinfacht heißt, ne gewisse Kontrolle über den Geist. Also jemand, der kein Verlangen nach Befreiung hat, jemand, der denkt, dass er glücklich wäre, wenn nur die äußeren, die Außenwelt sich richtig entwickeln würde, dem fehlt also Vairagya. Und der keine Kontrolle über den eigenen Geist hat, sowie irgendwas schief geht, ist er total wütend, ärgerlich oder deprimiert, der ist für ein Studium von Jnana Yoga und Vedanta nicht so geeignet. Der muss sich erst vorbereiten über die anderen Yogawege.

Hatha Yoga ist aber sehr einfach. Das erste ist, man muss leiden an irgendetwas. Das ist einfach, oder? Jemand, der gänzlich mit allen Aspekten seines Lebens zufrieden ist, warum sollte der praktizieren? Es kann ein rein spirituelles Leiden sein. Das heißt, irgendwie merkt man, es reicht nicht aus. Es muss jetzt nicht durch eine tiefe Depression und Verzweiflung gehen, obgleich es bei relativ vielen Menschen über eine Phase von Verzweiflung oder Depression gehen. Es kann auch einfach ein Mangelgefühl sein, dass man etwas mehr braucht. Gut, und dann sagt er,

– Für all diejenigen, die sich mit der Yogapraxis beschäftigen, ist Hatha wie die Schildkröte, die die Welt trägt.

Und hier kommt ein zwoter Aspekt rein, und das ist, dass man heimgesucht ist von Leiden. Man spürt irgendeinen Mangel, und jetzt muss man auch bereit sein – ja, erstmal muss man den Mangel auch loswerden wollen. Ist auch klar, oder? Es gibt Menschen, die leiden, aber die wollen das Leiden nicht loswerden. Und der dritte Aspekt ist: Um das Leiden loszuwerden, müssen wir auch bereit sein, selbst etwas zu tun. Wir sind ja in einer ziemlichen Opfergesellschaft. Wir haben zwar vielleicht eine der gerechtesten und friedvollsten Gesellschaften, die es historisch belegt jemals gegeben hat, aber dennoch fühlt sich jeder irgendwo aus irgendwelchen Gründen leidend, weil er falsch behandelt worden ist. Sei es von den Eltern, sei es von der Gesellschaft, sei es von der Frau oder dem Mann oder den Kindern oder dem Chef oder den Untergebenen oder den Kollegen oder wie auch immer.

Bestimmte Richtungen der Psychotherapie haben das ja durchaus gefördert, dass man alle möglichen Gründe findet. Die Eltern sind an allem Schuld. Warum sind die Eltern an allem Schuld? Weil sie einen auf die Welt gebracht hätten. Gut, und ohne Zweifel gibt es alles mögliche, was die Eltern Kindern tun können, und ohne Zweifel spielt das eine große Rolle. Und wir erwarten immer, dass andere unsere Leiden beseitigen. Kennt ihr das? Wenn wir eine Erkältung haben – gut, ihr vielleicht nicht – aber die meisten Menschen, wenn sie eine Erkältung haben, was machen sie? Zum Arzt, Onkel Doktor. Was macht der? Verschreibt ein paar weiße Pillen, die muss man dreimal am Tag nehmen und schon geht’s einem gut. Natürlich, es gibt die modernere Version. Man hat eine Erkältung. Man geht zum Heilpraktiker, er verschreibt einem weiße Kügelchen. D 640. Etwas krass wahrscheinlich. Und die soll man dann alle zwei Stunden schlucken, und dann geht’s einem besser. Gut, und wenn das nichts nützt, dann geht man zum Masseur, und der massiert einen, und dann geht’s einem besser. Ist klar, oder? Oder man beschwert sich beim Chef, und der hat dann alles besser zu machen.

Gut, und für all das Leiden, sagt Swatmarama, hilft Hatha Yoga. Ist doch gut, oder? Aber dann sagt er: „Die bereit sind zur Übung.“ Im Sanskrittext wird das noch etwas klarer als hier in der Übersetzung. Es reicht nicht, nur irgendeinen Mangel zu spüren, körperlich, emotionell oder spirituell. Es gibt ja eine ganze Reihe von Menschen, bei denen äußerlich alles ok.: Familie, Beruf, befriedigende Partnerschaft. Aber irgendetwas fehlt noch, das ist spirituelles Leiden. Und Hatha Yoga hilft auch auf allen Ebenen tatsächlich. Der Körper und der Geist werden stärker und viele Arten von subjektiven Leiden verschwinden dadurch. Weil wir stärker werden, können wir auch auf unsere Umwelt besser einwirken. Und so verschwinden auch objektive Leiden. Zum einen weil wir Glück in uns selbst finden, und auch zum anderen, weil wir liebevollere und ausstrahlende Menschen werden, können auch die subjektiv-objektiven Leiden, die mit anderen Menschen in Zusammenhang gebracht werden, geheilt werden. So hilft uns Hatha Yoga auf allen Ebenen.

Die Hatha Yoga Pradipika, die Yogapraxis und das ganze Yogasystem ist: Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand. Wir nehmen Verantwortung für unser Leben auf, und wir ändern selbst etwas. Und wir sind bereit, selbst etwas zu tun. Wir sind bereit, die Opferrolle aufzugeben. Da mag ja auch irgendwas dran sein, ohne Zweifel. Es gibt ja Menschen, die hatten eine schwierige Kindheit, und die haben traumatische Erfahrungen, Missbrauchserfahrungen gehabt, aber es nutzt uns nichts, wenn wir jetzt einen Grund finden, warum wir unglücklich sind. Wir müssen auch etwas tun. Und so ist Hatha Yoga eine Weise, um etwas zu tun und zu ändern. Etwas ändern wollen und bereit sein etwas selbst zu ändern. Gut, wir öffnen uns auch für die Gnade, denn alles allein geht auch nicht. Es spricht auch nichts dagegen, alle Hilfe anzunehmen, die die Gesellschaft, Medizin und Psychotherapie uns auch anbieten, aber Hatha Yoga hilft, unsere Leiden zu überwinden, wenn wir selbst die Sache in die Hand nehmen und aufhören, Entschuldigungen für alles zu suchen. Man findet ja auch Entschuldigungen, warum man nicht praktizieren kann. Auch mit diesen Entschuldigungen sollten wir aufhören und praktizieren.

Dann sagt er: „Hatha Yoga ist wie die Schildkröte, die die Welt trägt.“ Das ist ein schönes Beispiel, ein schönes Symbol, wobei es natürlich auch ein Mythos ist, aber jedenfalls auf dieser Schildkröte kann die ganze Welt ruhen und diese Welt ist unsere persönliche Welt. Also kann Hatha Yoga zum Einen auf unserem Berufs- und Familienleben aufgebaut sein, und dann auch unser anderes sonstiges spirituelles Leben. Hatha Yoga ist kombinierbar mit jeder anderen Form der spirituellen Praxis, kombinierbar mit Bhakti-Yoga-Praktiken, ist kombinierbar mit Jnana-Yoga, ist kombinierbar mit Raja-Yoga, ist kombinierbar mit Mantra-Yoga, ist kombinierbar mit buddhistischen Praktiken, ist kombinierbar mit Vipasana und tibetischem Buddhismus, ist kombinierbar mit christlicher Mystik und christlicher Kontemplation und so weiter. Und das ist gerade heute eine große Tendenz, dass Hatha Yoga sich in alle spirituelle Traditionen irgendwie rein – wie kann man sagen, reinfiltriert, oder so ähnlich, hereingeht – integriert ist ein schönerer Ausdruck. Auch in den Atheismus wird Hatha Yoga integriert, auch da geht es. Es gibt auch eine ganze Reihe Atheisten, die auch an ihrem Charakter arbeiten und liebevolle Menschen sein wollen, humanistischen Idealen folgen, und auch diese ethischen Ideale kann man mit Hatha-Yoga-Praxis gut unterstützen. Also das kann eine Grundlage sein für alle spirituelle Praktiken. Das ist immer auch hilfreich, das seinen Schülern zu sagen, die ja auch manchmal Angst haben, dass sie in ein spezielles religiöses System reinkommen. Und das ist eben nicht der Fall, sondern es geht um die Grundlage einer spirituellen Praxis, und verschiedenste spirituelle Praktiken können so verbunden werden.

Es gibt einen Mythos mit einer Schildkröte, und diesen Mythos will ich euch erzählen weil er zu einem späteren Zeitpunkt auch noch mal wichtig wird. Die Asuras und die Devas waren miteinander im Clinch. Die Devas sind die Engelswesen, werden auch als Götter bezeichnet, aber ich halte den Ausdruck für etwas missglückt, denn dann denkt man wieder, dass es im Yoga den Polytheismus gibt, und dann gibt’s mehrere Götter, aber dem ist ja nicht so. Es gibt Brahman als das Absolute. Brahman manifestiert sich als persönlicher Gott Ishvara, der Schöpfer, Erhalter, Zerstörer ist, und dann die verschiedensten Gestalten annehmen kann. Aber im Unterschied zu diesen Manifestationen von Ishvara gibt’s eben auch Devas, und Devas sind Engelswesen. In der indischen Mythologie werden diese Engelswesen eben gesehen als Individuen und Jivas, die auch eine beschränkte Lebensdauer haben. Auch die werden irgendwann nicht mehr diesen Posten inne haben, und die waren im früheren Leben auch schon mal Menschen gewesen. Da gibt es ganze Episoden aus den Puranas, die beschreiben, wie welcher Deva zum Deva geworden ist. Der war dann im früheren Leben irgendein Mensch und hat bestimmte Dinge getan. Und weil er bestimmte Wünsche hatte und gleichzeitig aber sehr große Kontrolle über sein Prana hatte, wurde er in seinem nächsten Leben als Engelswesen wiedergeboren. Und dann in verschiedenen Manwantars, was verschiedene Zeitalter sind, dann ändern sich die Engelswesen, die bestimmte Funktionen inne haben. Zu jedem Manwantara gibt es einen anderen Indra, anderen Varuna, anderen Agni und anderen Manu zum Beispiel. Das sind also die Devas in der Mythologie.

Und dann gibt’s die Asuras. Und was sind die Asuras? Das sind die Dämonen. Die Devas werden auch als Suras bezeichnet. Das sind die Guten, die guten Eigenschaften. Su heißt gut und Asu ist dann weniger gut, schlecht. Das sind also die Asuras. Apsara, das ist wieder was anderes. Das sind die, das sind Zwischenwesen, die sind nicht ganz so fortgeschritten wie die Devas, aber die sind auch noch gut. Die Apsaras wird man als die himmlischen Nymphen bezeichnen. Das sind auch solche, die im früheren Leben mal ein Mensch waren, die dann als Apsaras wiedergeboren werden, als niedere Engelswesen. Gut, und die Asuras, das sind solche Wesen, die übernatürliche Kräfte haben, aber diese zum Schlechten einsetzen. Die zum Einen genießen, wenn sie andere quälen, und zum Anderen machtgierig sind. Und manchmal verkörpern sich die Asuras, oder auch ein Mensch kann zum Asura werden. Z. B. wenn jetzt jemand von Euch auf die Idee kommen würde, 20 Jahre 16 Stunden Pranayama am Tag zu üben, um anschließend die Weltherrschaft zu erreichen, dann würdet ihr zum Asura werden. Ihr praktiziert intensiv, um übernatürliche Kräfte zu erreichen, um damit zu Macht zu kommen. Und eine gewisse Versuchung ist immer, wenn man intensiv praktiziert und auf dem Weg voranschreitet. Man findet dort zahllose Beschreibungen in den Schriften, wie jemand versucht wurde.

Einige von euch erinnern sich an die Bhagavad Gita. Dort sollte dieser Krieg beginnen zwischen den Kauravas und den Pandavas. Und Arjuna ging dann zu Krishna, und bat ihn, ihm zu helfen. Sowohl Kauravas wie Pandavas haben überall hin Boten geschickt, und Arjuna ging zu Krishna und bat: „Oh Krishna, hilf bitte auf unserer Seite.“ Und Krishna sagte: „O.K. Du hast die Wahl: Du kannst entweder mich haben, aber ich werde nicht kämpfen, oder du kannst meine wohlausgebildete, riesengroße Jadava-Armee haben. Was wählst du?“ Was hättet ihr gewählt? Krishna! Sagt sich so leicht. Arjuna hat Krishna gewählt. Und so werden wir öfters vor die Wahl gestellt. Wollen wir Gott oder Macht oder Gottes Schöpfung? Es muss nicht immer Macht sein. Ihr kennt vielleicht den Ausdruck Versuchung. Manchmal hat man sich für irgendetwas Gutes entschlossen, und dann kommt die Chance des Lebens auf etwas, was man schon immer gewollt hat. Aber es widerspricht dem, was man sich jetzt eigentlich fest entschlossen hatte, auf dem spirituellen Weg zu tun. Es gibt, ich sag mal, so einen modernen spirituellen Aberglauben. Und das ist, wenn irgendwo eine Chance auftaucht, dann muss man die unbedingt ergreifen. Es kann sein, das es eine Chance ist, die man unbedingt ergreifen muss. Es kann sein, dass es eine Versuchung ist, dass wir jetzt nach Gottes Armee greifen und nicht nach Gott selbst. Erinnert euch da mal öfters dran. Man wird öfters vor diese Alternativen gestellt. Immer wieder kommt das.

Gut, vielleicht noch eines: Asuras können sich dann auch verkörpern. Und dort würde man z.B. sagen, so ein Hitler war eine Verkörperung von einem Asuras. Der hatte ohne Zweifel ein Riesencharisma gehabt, aber hat es zum Negativen verwendet. Und der ganze Nationalsozialismus ist eigentlich am leichtesten zu verstehen, wenn man feststellt, das war eine richtige asurische Geschichte. Da wurden ja auch schwarzmagische Praktiken gemacht. Die ganze SS sollte eine schwarzmagische Kaste werden. So ein richtiger Orden sollte das werden. Und Hitler war ja auch Vegetarier. Nicht aus Gründen von Ahimsa, sondern um sein Prana, seine Lebensenergie zu stärken. Es gab richtig schwarzmagische Orden. Das ist auch bekannt in der Geschichtsschreibung, es wird nur nicht so viel drüber gesprochen. Vielleicht ist es auch gut, dass nicht so viel drüber gesprochen wird. Swami Sivananda sagt auch gerne, du kannst negative Kräfte vermindern, indem du nicht an sie denkst. Er sagt sogar, indem du vehement ihre Existenz leugnest. Asuras verlieren ja irgendwann ihre Kräfte. Das Dritte Reich hat ja zum Schluss nicht Erfolg gehabt. Also irgendwann verschwinden diese Kräfte, und außerdem kommt das Karma irgendwann wieder zurück. Weshalb es keine längere Zeit gab, wo solche asurischen Kräfte herrschen konnten. Das schlägt relativ zügig zurück, normalerweise zu Lebzeiten des betreffenden Asuras. Durchaus auch so jemand wie Khomeini, der ist wahrscheinlich auch so zu sehen. Der sogar religiöse Traditionen fehlinterpretiert hat. Oder auch, was man am 11. September dort hatte. Asuras sind durchaus auch mit religiösen Praktiken, spirituellen Praktiken, Energiepraktiken usw. vertraut. Man könnte es auch als tamasige Lehrer bezeichnen. Aber tamasig nicht im Sinne von träge, sondern im Sinne von fehlgeleitet. Gut, wir wollen darüber jetzt nicht weiter sprechen.

Aber jedenfalls die Devas und Asuras kann man auch anders interpretieren, und so ziehe ich es ja meisten vor. Das sind die positiven und negativen Eigenschaften in uns. Und die sind auch manchmal in Clinch. Manchmal hat man bestimmte Dinge, die man sich vornimmt, weiß, die sind gut für einen und man will sie auch machen. Und dann gibt’s die Asuras. Da gibt’s den Trägheits-Asura, dann gibt’s den Alte-Essgewohnheits-Asura. Dann gibt’s den Neid-Asura. Dann gibt’s – was habt ihr noch für Asuras? Den Stolz-Asura, den Angst -Asura. Was noch? Den Gewohnheits-Asura. Übrigens auch eine interessante Sache, eine Sache in der modernen Psychologie. Die sagen, es ist hilfreich zu erkennen, dass man bestimmte Persönlichkeitseigenschaften in sich hat. Und es ist sogar gut, die mit bestimmten Namen zu benennen. Da kann man z.B. den einen Peter nennen, und den anderen Karla. Und die alle irgendwie auch ihre Berechtigung haben. Die braucht man nicht immer nur als gut oder schlecht zu bezeichnen. Also man kann durchaus als Gewohnheits-Asura bezeichnen, aber wir müssen es nicht immer verteufeln. Da kann man halt feststellen, da ist der eine, da ist der andere, irgendwie wollen sie berücksichtigt werden. Aber wir haben Buddhi und Ahamkara. Wir können letztlich entscheiden, wem wir folgen werden. Versteht ihr das?

Wir können nicht unseren ganzen Geist von heute auf morgen ändern. Zumindest nicht vollständig. Wir können auch nicht einfach die Eigenschaften in uns loswerden, die wir nicht mehr mögen. Oder wem von euch ist es innerhalb von einer Woche gelungen, eine wichtige Eigenschaft loszuwerden, die er loswerden wollte? Kommt drauf an. Kleine Dinge vielleicht, vorübergehend erst recht. Aber das braucht uns nicht zu stören, denn wir können mit unseren verschiedenen Persönlichkeitseigenschaften umgehen lernen. Angenommen, ihr seid in einer Führungsrolle irgendwo in einer Firma, und dort habt ihr zwanzig Mitarbeiter. Gut, man könnte ihnen kündigen, aber mit dem deutschen Kündigungsschutz ist das nicht so leicht. Außerdem findet man nicht immer andere Kräfte wieder. Also muss man lernen, mit den zwanzig umzugehen. Und dort lernt man, den einen mehr zu fordern, den anderen weniger zu fordern, und so weiter. Man hört sich verschiedene Dinge an, und so geht man mit dem eigenen Geist um. Wir können zwar versuchen, den einen stärker werden zulassen, schwächer werden zu lassen, manchmal würd’ man gern einem Teil in unserem Geist kündigen, aber in den meisten Fällen sind die unkündbar. Und da kann es durchaus helfen, wenn man sagt: Aha, mein Gewohnheitsgeist ist wieder da, oder: Aha, da ist wieder mein Trägheitsgeist, oder mein Depressionsgeist, oder sogar: Mein Selbstmordschatten macht sich wieder breit. Ja, manche Menschen haben radikalere Teile in sich. Die haben alle so ihre Funktionen und ihren Sinn.

Gut, jedenfalls wollte ich noch den Mythos zu Ende erzählen. Dort waren also die Devas und die Asuras. Und nach vielen Kämpfen haben die gedacht, anstatt immer miteinander zu kämpfen, können wir ja auch mal etwas gemeinsam machen. Die haben sich beraten, fanden das eine tolle Idee, und die dachten, wir wollen jetzt den Milchozean quirlen. Denn es heißt, wenn der Milchozean gequirlt wird, dann kommen alle möglichen tollen Dinge raus, und schließlich bekommt man den Nektar der Unsterblichkeit. Sie nahmen also den Berg Meru, den Weltenberg, den höchsten Berg, und wanden um den Berg Meru die Weltenschlange Vasuki herum, und gaben den Meru in den Milchozean, und dann zogen die Devas an der einen Seite und die Asuras an der anderen, und so wurden der Meru immer wieder gedreht. Und so quirlten sie den Milchozean. Jetzt gab’s ein Problem, dass während sie quirlten, drohte der Berg zu versinken. Und so beteten sie zu Vishnu, und Vishnu nahm die Gestalt einer Schildkröte an. Und diese Schildkröte ging dann auf den Grund des Ozeans, und so wurde dann der Weltenberg Meru auf die Schildkröte aufgesetzt. Jetzt versteht ihr hier, die Schildkröte, die die Welt trägt. Und dann quirlten die Devas und Asuras weiter, und sie bekamen alle möglichen wunderschönen Dinge: Geschmeide, und Indras weißer Elefant, und Varunas Wagen, und einen Regen- und einen Sonnenschirm, und verschiedene Heilkräuter. Und der Danvantari, das war einer der Devas, der kam dann hin, und er bekam dort auch bestimmte Dinge zur Heilung aus dem Milchozean und begründete so Ayurveda. Und alle möglichen phantastischen Dinge kamen dort raus. Und dann plötzlich sich verdunkelte sich alles und das schreckliche Gift Halahala breitete sich aus. Und dieses schreckliche Gift Halahala drohte die ganze Welt zu zerstören. Und so beteten die Devas und die Asuras zu Shiva. Und Shiva in seiner Gnade manifestierte sich und er befahl dem Gift Halahala in seine Hand zu kommen. Und er nahm es auf in seine Hände und trank das Gift Halahala. Und das Gift, welches alle drei Welten zerstört hätte, färbte Shivas Kehle blau. Und deshalb heißt Shiva Nila Kantha, der mit der blauen Kehle. Auf manchen Bildern sieht man, dass die Kehle Shivas noch etwas dunkler ist, als der restliche Körper. Gut, und anschließend quirlten die Asuras und die Devas weiter. Da gibt’s jetzt verschiedene Puranas, und die beschreiben verschiedenen Enden der Geschichte. Ich überlege grade, welche ich euch erzähle. Ich erzähle euch mal das, was mir am besten gefällt. Es gibt noch ein anderes Ende, da werden die Dämonen betrogen, das widerstrebt meinem Gerechtigkeitssinn. Deshalb erzähle ich euch die, ich glaube, sie stammt aus der Shiva Purana. Die Vishnu Purana, da inkarniert sich noch Vishnu als Mohini. Also Shiva hat dann das Halahala zerstört, und die Devas und die Asuras quirlten weiter, und dann kam plötzlich ein großer Topf mit diesem Nektar. Und die Devas und Asuras tranken von diesem Nektar und verschmolzen ineinander. Und damit hatten sie die Unsterblichkeit erreicht. Gut, wofür steht der Nektar der Unsterblichkeit? Für die Selbstverwirklichung.

Gut, die Geschichte symbolisiert sehr wichtige Tatsachen auf dem spirituellen Weg, und Entwicklungen. Gut, am Anfang liegt viel auf dem spirituellen Weg. Wir haben gute und schlechte Eigenschaften, die bekämpfen sich, Devas und Asuras. Und die Devas und die Asuras in uns, die guten und die schlechten Eigenschaften, die verbünden sich jetzt, um spirituelle Praktiken zu machen. Dann macht man vielleicht mal so’n Waffenstillstand und sagt: Wir bemühen uns jetzt gemeinsam. Und durchaus, wenn man mit Hatha Yoga beginnt, sind verschiedene Motive dabei. Wir haben Deva-Motive und Asura-Motive. Eben das Motiv, gut auszusehen, mehr Prana zu haben, mit seinem Stress besser umgehen zu können, erfolgreich im Beruf zu sein. Vielleicht es irgendjemandem zu zeigen, dass man doch besser ist, also durchaus asurische Tendenzen. Mit Deva-Tendenzen, dass man jetzt an sich selbst arbeiten will, Selbstverwirklichung erreichen will, und so weiter. Wir haben alle das Deva-Motiv der Selbstverwirklichung, und vielleicht auch, mehr Kraft zu bekommen, anderen zu helfen und zu dienen. Viele sind hier her gekommen, weil sie gemerkt haben, Yoga unterrichten ist etwas sehr Schönes, aber sie wollen gerne mehr wissen und mehr weitergeben zu können, eine sehr selbstlose Motivation. Aber es gibt auch asurahafte Gründe, Yoga zu üben. Welche z.B.? Um reich zu werden. Als Yogalehrer reich zu werden, ist zwar schwierig in Deutschland, aber wir können sagen: Haben wir mehr Prana können wir Menschen besser beeinflussen, manipulieren, oder wir haben einen 16-Stunden-Tag, da müssen wir schnell wieder fit sein, um mehr Geld zu bekommen. Und es gibt nichts Schnelleres, um wieder Energie zu bekommen, als einne halbe Stunde Asanas, Pranayama, Tiefenentspannung. Wenn man das gut macht, kann man in einer halben Stunde wieder topfit sein. Zu Zeiten, als in Amerika die New Economy richtig am boomen war, und alle möglichen Leute im Silikon Valley Tag und Nacht nur in der Firma waren, da hat die Hälfte all dieser Leute, so stand es im Yoga Journal, Yoga praktiziert. Weil ohne Yoga hätten sie diese Menge an Arbeit nicht ausgehalten. Gut, andere machen Yoga um kreativer zu werden und durch mehr Kreativität immer berühmter und bekannter und so weiter zu werden. Und im Grunde genommen sagt die Hatha Yoga Pradipika auch, letztlich ist es gar nicht so wichtig, aus welchem Grunde wir anfangen. Natürlich müssen wir aufpassen, dass wir nicht vollständig asurisch werden. Aber am Anfang, realistisch gesehen, haben Menschen verschiedene Ziele. Manche haben auch das Ziel, jung auszusehen, schön auszusehen, haben vielleicht gesehen, eine Kollegin hat Yoga praktiziert. Seit dem sie Yoga praktiziert, sieht sie zehn Jahre jünger aus. Und wird die Beliebteste, und da wollen sie genauso werden. Auch durchaus eine Wirkung von regelmäßiger Yogapraxis. Alles asurische Motive, die nicht gleich negativ sind. Und so können wir alle Teile unserer Persönlichkeit hineinstecken.

Und dann fangen wir an, den Milchozean zu quirlen. Was ist der Milchozean? Unser Geist und unser Unterbewusstsein, das Prana-Geist-System. Um den zu quirlen, nehmen wir den Berg Meru, den müssen wir drehen bzw. bearbeiten. Was ist der Berg Meru? Das ist die Sushumna, die feinstoffliche Wirbelsäule. Und da binden wir die Schlange Vasuki herum, und in dem wir an der Vasuki ziehen, wird der Meru bewegt. Und Vasuki ist natürlich die Kundalinienergie. Und wenn wir das machen, dann droht irgendwann der Meru zu versinken, und dann brauchen wir die Schildkröte. Und die Schildkröte ist hier Hatha Yoga. Hatha Yoga ist die Schildkröte. Und da gelten insbesondere die Asanas als ne gewisse Festigkeit. Hatha Yoga ohne Asanas, das entbehrt manchmal ner gewissen Festigkeit. Dann heben die Menschen zu sehr ab, oder fallen zu sehr runter. Asanas, das hilft, dass man die Erdung nicht zu sehr verliert. Weder in die Erdung reinfällt noch die Erdung verliert. Asanapraxis – die Schildkröte. Dann geht’s weiter und es kommen alle möglichen phantastischen Dinge heraus. Und was sind das? Muss noch nicht mal übernatürlich sein, aber die verschiedenen Wirkungen des Yogas. Dann kann es sein, dass man gesünder wird. Weniger Rückenschmerzen, weniger Kopfschmerzen, und dass man jünger aussieht, strahlendere Augen hat, Menschen verlieben sich mehr in einen, die Aura sehen kann, seinen physischen Körper verlassen kann Heilwirkungen entdeckt, kreativer wird, seine Bestimmung im Leben entdeckt. Man weiß, was man will, man hat mehr Durchsetzungsfähigkeit, und so weiter. Alles ausgezeichnete Dinge.

Und irgendwann kommt Halahala. Es gibt kleine Halahalas, vielleicht nur Halas, und es gibt die großen Halahalas. Gut, die kleinen sind bestimmte Reinigungswirkungen, die auftauchen, die ihr sicher auch schon erfahren habt. Übelkeit, Erbrechen, Kopfweh, und solche Sachen. Diese Art von Halahala kann man überwinden über den Pfau. Für Menschen, die, wenn sie intensiv praktizieren, an solchen Reinigungserfahrungen leiden, ist der Pfau eine gute Sache, wie auch vielleicht vor und nach dem Pfau ein Glas Wasser zu trinken.

Es ist nicht so, dass wir von dem Moment an, wo wir anfangen, spirituell zu praktizieren, alle Probleme verschwinden, sondern einige verschwinden und was anderes kommt. Das sind Reinigungssachen. Und irgendwann kommt das große Gift Halahala, und das große Gift Halahala ist? Das ist, wenn man beginnt, sich auf das Ganze was einzubilden. Dagegen hilft der Pfau leider nicht, dann hilft Gebet. Dann nimmt uns Gott das Ego. Egoismus und Stolz. Wir bilden uns auf die ganze Sache was ein. Und dann zerstört das all unseren Fortschritt. Und nicht nur Fortschritt. Irgendwann, wenn der Egoismus besonders groß ist, verliert man alle anderen Sachen auch. Und was macht man dann mit seinem Ego? Wie geht das in der Geschichte? Wie machen das die Devas? Sie beten zu Shiva und bitten: Shiva, bitte hilf uns gegen dieses Halahala. Unser eigenes Ego zu vernichten, ist für uns unmöglich. Es ist alles gut, was das Ego beseitigt. Es ist jetzt die Frage, wie wir Ego definieren. Ein Ahamkara und ein Buddhi brauchen wir weiter. Ein Ego im Sinne von egoistisch, das brauchen wir nicht. Aber natürlich im Sinne von einem Ich, das brauchen wir weiter, sonst können wir kein Karma mehr aufarbeiten. Gut, und  Asuras und Devas verschmelzen miteinander. Es gibt keine guten und schlechten Eigenschaften mehr. Als Selbstverwirklichter ist man jenseits aller Dualitäten.

Ich hab mal erzählt, irgendwann wurde mir klar, wie das Ego so arbeitet. Und dann hab ich einen Yogi, der zu Besuch war, das ist schon zehn Jahre her, gefragt: „Was kann ich machen, um am Ego zuarbeiten? Wenn ich viel Asanas mache, dann denk ich, wie toll ich Asanas mache. Wenn ich dann viel Mantras singe, um demütig zu sein, nachher find’ ich, dass ich ja besser bin als die anderen, weil ich mehr Mantras singe, während die anderen sich was drauf einbilden, dass sie gut Asanas können. Und wenn ich dann weniger insgesamt mache, dann bild ich mir was drauf ein, dass ich jetzt weniger mache, um mein Ego zu schwächen. Wenn ich versuche, anderen zu dienen, dann bilde ich mir nachher was drauf ein, wie toll ich anderen diene. Wenn ich bete, dann bild ich mir was drauf ein, wie toll ich bete.“ Und so hab ich gesagt: „Was soll ich machen? Das Ego ist überall.“ Da hat er nur gelacht und hat gesagt: „Jeder muss seine Pflicht tun. Deine Pflicht ist es, Sadhana zu machen. Menschen zu dienen, Gott zu dienen, dem Guru zu dienen. Gottes Aufgabe ist es, dein Ego wegzunehmen. Daher kümmere dich nicht zu sehr um dein Ego. Bete vielmehr zu Gott, und er wird sich drum kümmern.“ Und das macht er tatsächlich. Und nicht nur auf die angenehme Weise. Swami Sivananda hat das genannt: the Egoectomy. Wer von euch medizinische Kenntnisse hat, der weiß: abhendoectomy. Das ist die Entfernung des Wurmfortsatzes, Blinddarms. Und so gibt es verschiedene –ectomies, Wegschneidung, und Gott hat die Aufgabe, Egoectomy zu machen.

Ich hab euch gerade den Schildkrötenmythos erzählt. Man kann auch in diesem Vers sehen, dass für die Hatha Yoga Praxis bestimmte Voraussetzungen für den Schüler sind. Man kann sagen, es gibt dort drei. Was sind die drei Voraussetzungen? Man muss ein Leiden oder einen Mangel an etwas verspüren, es fehlt einem irgendwas. Zweitens? Man will’s loswerden. Drittens? Bereit sein, selbst etwas dafür zu tun.

Die nächsten Verse geben bestimmte Grundlagen für jemand, der eine Vollzeit-Hathayogapraxis machen will. Es gibt so eben die Möglichkeit, intensiv Tapas zu üben, wie es genannt wurde. Also zwischen einer Woche und sechs Monaten. Das sind so die typischen Zeiten meist. Einige sind zwischen einem Monat und sechs Monaten, man kann aber auch mal eine Woche machen. Und in dieser Zeit würde man dann sich nur mit intensiven spirituellen Praktiken beschäftigen. Und hier gibt er ein paar Hinweise, wenn man das machen will, was für äußere Hilfen das sind.

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