1. Kapitel, Vers 3

Deutsche Übersetzung:

An die, die den Zustand des Raja-Yoga nicht kennen, aufgrund von fehlerhafter Vorstellungen und vieler Wirren in der Dunkelheit, | gibt Svatmarama voller Mitgefühl die Leuchte des Hatha-Yoga weiter.

Sanskrit Text:

  • bhrāntyā bahu-mata-dhvānte rāja-yogam ajānatām |
    haṭha-pradīpikāṁ dhatte svātmārāmaḥ kṛpākaraḥ ||3||
  • भ्रान्त्या बहुमतध्वान्ते राजयोगम् अजानताम् ।
    हठप्रदीपिकां धत्ते स्वात्मारामः कृपाकरः ॥३॥
  • bhrantya bahu mata dhvante raja yogam ajanatam |
    hatha pradipikam dhatte svatmaramah kripakarah ||3||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • bhrāntyā : durch das Umherirren, durch Verwirrung (Bhranti)
  • bahu : vieler (Bahu)
  • mata : (Lehr-)Meinungen (Mata)
  • dhvānte : in der Dunkelheit (Dhvanta)
  • rāja-yogam : (den) königlichen Yoga (RajaYoga)
  • ajānatām : (denjenigen, die) nicht erkennen (jnā)
  • haṭha-pradīpikāṁ : die Leuchte des (Hatha-Yoga)
  • dhatte : gibt, schenkt (dhā)
  • svātmārāmaḥ : Svatmarama
  • kṛpā : (des) Mitgefühls (Kripa)
  • ākaraḥ : (eine) Quelle (Akara)       ||3||

Kommentare – Audio – Video

Brahmananda

Der Autor sagt hier, dass es unmöglich ist, Raja Vidya durch irgendwelche anderen Mittel zu erlangen als über Hatha Vidya. Der Name des Autors, Swatmarama Yogi, ist sehr vielsagend. Er bedeutet: Einer, der seine Freude in der Gemeinschaft mit seinem höheren Selbst hat. Das stellt die letzte von sieben Stufen des Jnana dar. Die Srutis (Schriften) sagen, „der Brahmavarishta ist einer, der Vergnügen und Freude in seinem höheren Selbst findet“. Die sieben Stufen sind folgendermaßen in der Yoga Vashishta beschrieben:
Einer, der richtig zwischen dem Beständigen und dem Unbeständigem unterschieden hat, der ein Gefühl der Abneigung gegenüber weltlichen Vergnügungen gepflegt hat, der nach der Erlangung völliger Meisterung seiner Organe, physisch und geistig, ein ununterdrückbares Bedürfnis spürt, sich aus diesem Kreislauf des Daseins zu befreien, hat die erste Stufe erreicht: Subecha, oder das Bedürfnis nach der Wahrheit.
Jener, der, was er gelesen und gehört hat in seinem Leben, reflektiert und verwirklicht hat, hat die zweite Stufe erreicht: Vichara, oder die richtige Befragung.
Wenn der Geist nach der Überwindung des Vielen dauerhaft auf das Eine eingestellt bleibt,hat er die dritte Stufe erreicht: Tanumasana, oder das Ausdünnen des Geistes.
Bis jetzt ist er ein Sadhaka oder Ausführender. Wenn er durch die drei vorangegangenen Stufen seinen Geist ausgedünnt hat, in einen Zustand von reinem Sattva, wenn er die Wahrheit direkt in sich selbst findet, „Ich bin Brahman“, ist er auf der vierten Stufe: Sattvapati, oder die Erlangung des Zustandes von Sattva. Hier wird der Yogi Brahamavid (Kenner von Brahma) genannt. Bis jetzt übte er Samprajnata Samadhi, oder Kontemplation, wo das Bewusstsein der Dualität noch anhält.
Von da an bilden die drei verbleibenden Stufen das Asamprajnata Samadhi, d. h. kein Bewusstsein der Dreiheit: Wissender, Wissen und Gewusstes. Wenn der Yogi sich von den Siddhis, die sich auf dieser Stufe bilden, nicht beeindrucken lässt, erreicht er die Asamshakti genannte Stufe (von allem unbeeindruckt sein). Der Yogi wird nun Brahmavidvara genannt. Bis jetzt kümmert er sich um die Durchführung der notwendigen Pflichten nach seinem eigenen Willen.
Aber wenn er überall nichts anderes mehr als Brahman sieht, wird diese Stufe Pararthabhavani genannt, d. h., wo die äußeren Dinge nicht mehr in Erscheinung treten. Hier erfüllt der Yogi nur noch Funktionen, die ihm von anderen auferlegt wurden.
Er wird Brahmavidvaristha genannt, wenn er die siebente und letzte Stufe – Turiya erreicht hat. Er erfüllt seine Pflichten nicht mehr, seien sie nun von ihm selbst oder von anderen auferlegt. Er bleibt in einem Zustand von durchgehendem Samadhi. Dem Autor dieser Arbeit wird nachgesagt, er hätte diesen Zustand erreicht, wie sein Name Swatmarama andeutet.

Vishnu-devananda

3. Jenen, die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erreichen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Ihr könnt die Worte „Raja Yoga“ hier in der Bedeutung des Kontrollierens von Denkabläufen übersetzen. Jene, die unfähig sind, Raja Yoga zu erlangen, sind jene, die unfähig sind, ihre eigenen Gedanken zu kontrollieren, während sie meditieren. Ihre Gedanken hören nicht auf, hochzukommen. Das Ziel von Raja Yoga ist die Gedankenwellen zum Stillstand zu bringen, aber wenn ihr das nicht könnt, versucht euer Prana zu kontrollieren. Um Prana zu kontrollieren, kontrolliert den physischen Atem. Auf diesem Weg kommt ihr vom physischen zum feinen Prana und dann sogar zu einer noch feineren Ebene – zu den Gedanken. Da sie im Zusammenhang stehen, beeinflusst eines das andere.
Was meint er mit „streitenden Sekten“? Der eine wird sagen, jenes sei zu tun, ein anderer wird sagen, Mantras seien zu wiederholen, oder jenes zu tun. Hatha Yoga ist ein wissenschaftlicher Zugang, den Denkablauf in den Griff zu bekommen, indem man Prana in den Griff bekommt. Das ist erreicht, wenn es keine Wellen mehr gibt. Der Sehende sieht sein Selbst; Sehender und das Gesehene werden eins. Der Sehende erkennt sein sich selbst im Selbst. In diesem Zustand gibt es keine Vrittis (Gedankenwellen). Das ist ähnlich, wie in das helle Licht der Sonne zu schauen oder in das Fernlicht eines herankommenden Autos. Nach einer Weile seid ihr völlig geblendet. Wenn als Resultat des Ausführens von Pranayama die Vrittis wegfallen, wird das Raja Yoga genannt. Das ist der Zustand, wenn der Sehende das Selbst sieht.

Das „Licht von Hatha Vidya“ ist das Wissen von Hatha Yoga.

 

Sukadev

3. Jenen, die die sich in der Dunkelheit streitender Sekten fortbewegen, unfähig Raja Yoga zu erlangen, bietet der mitleidsvolle Swatmarama Yogi das Licht von Hatha Vidya an.

Dunkelheit streitender – gut, hier in dem Text steht Sekten. Sekte ist jetzt ein Begriff, der im Deutschen eigenartige Konnotationen hat. Weltanschauungen wäre da korrekter. Es gibt so viele Weisen, wie wir das Göttliche sehen können, und wir können uns da gründlich drüber streiten. Ihr seid in der Hauptsache vertraut mit eigentlich zwei Hauptanschauungen: Die eine ist Vedanta und die zwote ist Tantra. Vedanta mitBrahma,Maya, Ishvara, ihr erinnert euch. Und Tantra mit ShivaShakti-Philosophie. Und dann gibt’s aber noch die Samkhya-Philosophie mit Purusha und Prakriti. Und dann gibt’s die Bhakti-Schulen, die von einem persönlichen Gott sprechen und dort sagen: Das Individuum kann niemals Gott werden, nur Gott nahe kommen, und das Ziel des Lebens ist es nicht, mit Gott Eins zu werden, sondern das Ziel des Lebens ist, sich zu befreien von allen Verhaftungen, dann geht man in eine höhere Welt ein, wie zB. Vaikuntha, und da ist die ewig befreite Einzelseele immer in der Gegenwart von Krishna. Oder im Christlichen gibt’s das ja auch, da gehen wir alle in den Himmel, und da ist Jesus und verschiedene andere, und dort sind wir dann auf ewig. Und dann gibt’s die Buddhisten, die streiten sich auch. Da gibt’s die Hinayana-Buddhisten, die sprechen vom Nichtselbst, es gibt gar kein Selbst, Nirvana ist einfach Nichts. Und dann gibt’s die Mahayana, die sagen, es gibt doch was, das Absolute, und wenn Buddha von Nirvana gesprochen hat, dann hat er niemals gemeint Nichts, sondern nur gemeint Alles. Und so kann man sich endlos streiten. Der Meister Eckhardt spricht von Gott und Gottheit, im Persönlichen und im Unpersönlichen, sehr ähnlich wie Brahman und Ishvara, andere sprechen dann nur von der Dreieinigkeit, und den unpersönlichen Gott gibt es nicht. Uns so kann man dann endlos diskutieren und erlangt niemals Kontrolle über den Geist. Es ist letztlich gut, wenn man sich schon etwas beschäftigt hat mit dem spirituellen Weg, eine Richtung zu wählen, so dass man letztlich weiß, wohin es geht, und dass man ein Deutungssystem hat für verschiedene spirituelle Erfahrungen, die man macht. Und dass man auch merkt, dass man nicht irgendwo stecken bleiben soll, sondern das man weitergeht. Und dafür ist es dann gut, einen philosophischen Bezugsrahmen zu haben, eine Weltanschauung. Man sollte sich aber immer bewusst sein: Eine Weltanschauung ist niemals die Wahrheit, sondern ist immer nur ein Modell. So wie es ja auch in der Physik die verschiedensten Modelle gibt. Und ist ja auch heutzutage so weit, immer mehr sagen, es wird niemals eine allumfassende Weltformel geben, sondern man kann nur verschiedene Modelle für verschiedene Phänomene nehmen, aber richtig zusammenkriegen tut man die nie. Z.B. gibt’s die Newtonsche Physik, von der ihr vielleicht gehört habt, die ist gültig in bestimmten Teilen der Welt, sie ist nicht überall gültig, also in bestimmten Spektren der Natur ist sie gültig, und mit ihrer Anwendung kann man sehr gut Resultate haben, sehr gute technische Anwendungen. Und dann gibt’s die Quantenphysik, die geht ganz anders als die Newtonsche Physik, und es gibt noch andere Aspekte der Physik. Es gibt zwar immer wieder Versuche, das alles miteinander zu verbinden, aber bisher gibt’s noch keine Weltenformel. Und so ähnlich auch, ob jetzt Vedanta, Tantra, ob Samkhya oder andere Traditionen, es sind alles nur Abbilder. Und irgendwann müssen wir zur Erfahrung kommen. Und die Erfahrung selbst ist nicht in Worte zu fassen. Und so war Hatha Yoga, ist Hatha Yoga letztlich religionsübergreifend und weltanschauungsübergreifend. Auch in Indien war Hatha Yoga von Angehörigen verschiedener Religionen praktiziert worden. Hatha Yoga ist sicher sehr eng mit Hinduismus verbunden, aber es gibt in Indien auch andere Religionen wie Jainismus und Buddhismus und Sikhismus, die alle auch Hatha Yoga geübt haben. Einige von euch haben vielleicht mal von Kundalini von Yogi Bhajan gehört. Der stammt aus der Sikh-Tradition und da gibt es eben auch Yoga. Nicht ganz so, was wir hier lernen, aber die Begriffe, mit dem Chakra, Kundalini, sind doch sehr ähnlich. Das Ziel wird auch ähnlich formuliert, aber im Rahmen einer anderen Religion. Oder, wer von euch kennt das Buch: Die fünf Tibeter? Würd’ mich jetzt grad mal interessieren, wie weit das verbreitet ist in Yogalehrer Kreisen – sehr verbreitet. Und es gibt eben auch Hatha Yoga im Buddhismus, insbesondere im tibetischen Buddhismus. Einer der verbreitetsten Hatha-Yoga-Lehrer unserer Zeit, der Krishnamacharya, der hat von Hatha Yoga Vieles in Tibet gelernt und nicht in Indien. In Tibet von buddhistischen Hatha Yogis. Das ist zum großen Teil vernichtet durch die chinesische Unterdrückung, und die Exiltibeter geben diese Techniken eigentlich wenig weiter. Die Pranayamas und auch Asanas, die sie dort vielleicht noch gelernt haben. Gut, und auch im Jainismus gibt’s Hatha Yogis. In Indien sind auch die Religionen nie so getrennt gewesen, wie das hier ist. Hier weiß jeder, ist er jetzt Christ. Oder Heide oder Jude oder Moslem, das ist relativ klar. Aber in Indien war das so klar nicht. Es gibt einige Heilige, da weiß man’s bis heute nicht, zB. Kabir. War der Moslem oder Hindu? Die Hindus behaupten mit Vehemenz, er war Hindu, und die Moslems behaupten, er war Moslem. Aber klar ist das nicht. Oder der Shirdi Sai Baba, war der Moslem oder war der Hindu? Und wenn’s dann zwischen Jains und Hindus und Sikhs geht, da ist die Grenze noch schwieriger. In China ist das auch so üblich. Da gab’s ja Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus parallel. Und die gelten als drei Weltreligionen, aber die meisten Chinesen waren Anhänger aller drei. So sind also, eigentlich muss man sagen, heutzutage ist man gewohnt, im Namen aller Religionen sind so viele Kriege entstanden. Das ist aber weltweit was Außergewöhnliches. Die Christen sind die Erfinder der Religionskriege, und die Moslems haben’s weiterverbreitet. Und leider haben sich dann unter dem Einfluss die Hindus ein bisschen militarisieren lassen, und haben dann auch beispielsweise im Sri Lanka mit dem Buddhismus Schwierigkeiten. Aber eigentlich sind’s nicht Hinduismus-Buddhismus, es sind Lankesen-Tamilen-Probleme, die sind eher ethnisch als religiös. Aber das läuft dann parallel.

So sind in Indien über viele Jahrtausende die Weltanschauungen und Religionen parallel gelaufen. Und Swatmarama fordert dann noch mal auf, sich nicht zu streiten, sondern Hatha Yoga zu praktizieren. Das wird zur Kontrolle über den Geist führen. Ist der Geist unter Kontrolle, dann können wir gut meditieren, zu Samadhis gehen, und dann erfahren wir die Wirklichkeit und können sie dann leider nicht in Worten ausdrücken. Ein altes Beispiel sind ja Blinde. Angenommen wir wären alle blind hier, und jetzt gäb’s einen, der würde uns eine Operation machen, Katarakt-Operation, und anschließend könnten wir sehen. Dann wären wir sehend, und jetzt versuchen wir, den anderen zu erklären, wie es ist, Farben zu sehen. Wird das erfolgreich sein? Nein. Und dann jemand anders gelingt es, auch wieder zu sehen, und dann sieht er: Ah, so hat er’s gemeint, und jetzt versucht er, es den anderen zu erklären. Und vielleicht aus Mitgefühl für den anderen wird jeder versuchen, das in Worte zu fassen, was man da so sieht. Es ist nicht in Worte zu fassen. Und dann können die sich natürlich streiten. Und dann gibt’s die verschiedenen Schulen: Was sind Farben? Und eine Gruppe der Blinden ist der einen Meinung, und eine andere Gruppe der Blinden ist anderer Meinung, was Farben sind. Und dann muss man natürlich noch Kanonen nehmen, denn der die besseren Waffen hat, der hat natürlich Recht. So ist es, wenn im Namen von Religionen Kriege geführt werden. Die Blinden versuchen, den andern Blinden zu erklären, was Farbe ist. Statt dessen sollte man praktizieren, dann erfährt man es, kann es aber auch wieder nur beschränkt kommunizieren.

Swatmarama sagt, es ist letztlich egal, welche Weltanschauung man hat. Man soll praktizieren. Wenn man praktiziert, entsteht das Licht, und dann wird man feststellen, was richtig ist. Üben ohne feste Weltanschauung ist ganz im Sinne des Autors der Hatha Yoga. Dann könnt ihr also für euch selbst wissen, und auch für die Schüler, die euch fragen, Hatha Yoga war auch in Indien weltanschauungsübergreifend.

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