Atma Bodha – Vers 63

Alles ist Brahman

Atma Bodha – Vers 63

Deutsche Übersetzung:

Brahman ist verschieden vom Universum. Es gibt nichts, das nicht Brahman ist. Wenn ein anderes Objekt als Brahman zu existieren scheint, ist es unwirklich wie eine Fata Morgana.

Sanskrit Text:

jagadvilakṣaṇaṃ brahma brahmaṇo’nyan na kiñcana ।
brahmānyad bhāti cen mithyā yathā marumarīcikā ॥ 63 ॥

जगद्विलक्षणं ब्रह्म ब्रह्मणोऽन्यन्न किञ्चन ।
ब्रह्मान्यद्भाति चेन्मिथ्या यथा मरुमरीचिका ॥ ६३ ॥

jagadvilakshanam brahma brahmano’nyan na kinchana |
brahmanyad bhati chen mithya yatha marumarichika || 63 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • jagad-vilakṣaṇam : verschieden (Vilakshana) vom Universum (Jagat)
  • brahma : das Absolute (Brahman) ist
  • brahmaṇaḥ : als das Absolute
  • anyat : anderes (Anyat)
  • na kiñcana : (es gibt) nicht (Na) irgend etwas (Kinchana)
  • brahmānyat : etwas anderes (Anyat) als das Absolute (Brahman)
  • bhāti : etwas zu sein scheint („erscheint“, bhā)
  • cet : falls (Ched)
  • mithyā : (so ist dies) illusorisch („unwahr“, Mithya)
  • yathā : wie (Yatha)
  • maru-marīcikā : eine Fata Morgana (Marichika) in der Wüste (Maru)     ॥ 63 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Brahman ist verschieden vom Universum. Es gibt nichts, das nicht Brahman ist. Wenn ein anderes Objekt als Brahman zu existieren scheint, ist es unwirklich wie eine Fata Morgana.

Shankara gebraucht hier eine weitere Analogie: Fata Morgana, also eine Luftspiegelung in der Wüste. Ich weiß nicht, ob du schon einmal in der Wüste gewesen bist. Ich war mal vor ein paar Jahren in Ägypten. Und da habe ich tatsächlich gesehen, was eine Fata Morgana ist. Wir waren irgendwo durch die Wüste gefahren, haben irgendwo mal Pause gemacht und haben dann weit geschaut, und irgendwo am Horizont sah es dort aus wie ein Wald, wie eine Oase. Ich habe Palmen gesehen, und das sah wirklich aus wie eine Oase. Ich habe dann den Führer gefragt: „Ist dort hinten eine Oase, eine Stadt? Und fahren wir dort auch hin?“ Da hat er gesagt: „Das ist eine Fata Morgana. Da ist nichts. Da ist nur Luftspiegelung.“ Ich habe mir das genauer angeschaut, das hat mich nicht überzeugt. Aber ich habe dann auch auf dem Atlas nachgeguckt, wo alle Oasen verzeichnet waren. Es gab tatsächlich, da wo wir waren, keine Oase in der Nähe. In diese Richtung schon mal gar nicht. Also: Fata Morgana. Eine Fata Morgana lässt etwas erscheinen, was es nicht gibt. Es ist eine Luftspiegelung. Was es gibt, ist die Luft. Was es gibt, ist die Sonne. Was es gibt, ist unser Auge. Und was es gibt, ist auch der heiße Sand. Und diese Verbindung von heißem Sand, heißer Luft und Sonne und letztlich unser eigenes Wahrnehmungsvermögen, all das zusammen führt dazu, dass man eine Oase, Palmen und sogar eine ganze Stadt sehen kann. Nichts davon existiert.
So ähnlich auch: Dieses Universum ist auch wie eine Fata Morgana. Es existiert nicht, mindestens nicht als etwas von Brahman Getrenntes. Es gibt nur Brahman: Sein, Wissen, Glückseligkeit. Aus diesem Brahman entsteht wie aus einem Traum eine Fata Morgana. Dieser Traum, diese Fata Morgana, ist in Zeit und Raum und Kausalität. Aber in Wahrheit: Zeit und Raum existieren in Brahman nicht. Denn es gibt nur unendliches Bewusstsein ohne jegliche Veränderung. Hier in den letzten Versen wird Shankara nochmals hoch philosophisch. Aber er verlässt es gleich wieder. Denn hier ist ja die Frage: Was ist dann das Universum? Er sagt hier: Brahman ist verschieden vom Universum. Er widerspricht dann gleich wieder: Es gibt nichts, das nicht Brahman ist. Also es gibt nur Brahman.
Brahman ist aber verschieden vom Universum. Wie löst er das auf? Wenn ein anderes Objekt als Brahman zu existieren scheint, ist es unwirklich wie eine Fata Morgana. Brahman ist also nicht dieses manifeste Universum im Sinne als manifestes Universum. Brahman ist Brahman. Das Universum scheint zu existieren. Aber das, was in Raum und Zeit ist, das ist nicht wirklich wirklich. So wie er vorher die Analogie gebraucht hat von Schlange und Seil, oder so wie die Analogie von Traum und Wachzustand, oder auch wie die Analogie von einem Schauspiel: Die Welt des Schauspiels ist nicht wirklich, sie ist nur eine vorgespielte Welt. Die Welt des Traums ist nicht wirklich, sie ist nur geträumt. Die Welt der Fata Morgana ist nicht wirklich, sie ist nur eine Einbildung. Dass ein Seil eine Schlange wird, ist nicht wirklich. Es ist nur eine Einbildung. Hinter allem gibt es nur Brahman. Die Welt als Welt ist unwirklich. Aber die Welt als Manifestation Brahmans ist Brahman. Als solche ist Brahman Brahman. Darüber kannst du nachdenken, darüber kannst du meditieren. Und wie du die Welt wirklich siehst, ob du sie als Schauspiel siehst, als Traum von Brahman, als Fata Morgana, als Illusion, als Spiel Gottes – das ist letztlich Geschmackssache. Denn was die Welt wirklich, wirklich, wirklich ist, das weißt du erst, wenn du aufwachst aus dem Weltentraum. Und nachher kannst du es nicht in Worte fassen.
Deshalb, wie man jetzt die Welt sieht, als reine Fata Morgana, als Illusion, als Traum, als göttliches Spiel, als relative Manifestation von Brahman, als Körper Gottes, als Schauspiel Gottes, das ist irgendwo auch – wie ich schon gesagt hatte – Geschmackssache. Es ist eine vorübergehende Vorstellung. Denn wenn wir im Nirvikalpa Samadhi sind, wenn wir Atman Jnana erreicht haben, Brahman Jnana, dann wissen wir es wirklich. Bis dahin sei dir bewusst: In der Tiefe bist du Brahman. In der Tiefe ist jeder, dem du begegnest, Brahman. In der Tiefe bist du jeder, dem du begegnest. In der Tiefe kannst du hinter allem dieses Göttliche wahrnehmen. Und du kannst dir auch sagen: Auf einer relativen Ebene sehe ich Schönes wie orangene Wände und weiße Wände, und ich sehe wunderschöne Blumen und ich sehe eine wunderschöne Kerze, und ich sehe Pflanzen und Himmel. Auf der relativen Ebene sehe ich das. Und hinter allem ist Brahman. Im Tiefen kann ich hinter allem Brahman, das Göttliche an sich erfahren. Unter der Oberfläche meines Geistes kommen Gedanken, Emotionen, Gefühle usw. Und in der Tiefe meines Wesens bin ich Brahman. Nur oberflächlich sind Menschen um mich herum, mal guter Stimmung zu sein, weniger guter Stimmung zu sein, sie sind mal freundlich und sind mal weniger freundlich. Aber in der Tiefe ihres Wesens ist jeder Brahman, bin ich eins mit allem. Denn, wie Shankara hier sagt: Es gibt nichts, das nicht Brahman ist. Alles ist wahrhaftig Brahman. Oder wie eine Upanishade sagt: Sarvam Kalvidam Brahman – alles ist wahrhaftig Brahman.

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