Atma Bodha Vers 58

Unbegrenzte Glückseligkeit

Atma Bodha Vers 58

Deutsche Übersetzung:

Gottheiten wie Brahma und andere kosten nur einen Teil der unbegrenzten Glückseligkeit Brahmans und genießen entsprechend ihren Anteil daran.

Sanskrit Text:

akhaṇḍānandarūpasya tasyānandalavāśritāḥ ।
brahmādyās tāratamyena bhavanty ānandino’khilāḥ ॥ 58 ॥

अखण्डानन्दरूपस्य तस्यानन्दलवाश्रिताः ।
ब्रह्माद्यास्तारतम्येन भवन्त्यानन्दिनोऽखिलाः ॥ ५८ ॥

akhandanandarupasya tasyanandalavashritah |
brahmadyas taratamyena bhavanty anandino’khilah || 58 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • akhaṇḍānanda-rūpasya : dessen Wesen (Rupa) in vollkommener („ununterbrochener“, Akhanda) Glückseligkeit (Ananda) besteht
  • tasya : des (Brahmans)
  • ānanda-lavāśritāḥ : die nur eines Bruchteils (Lava) der Glückseligkeit teilhaftig geworden sind (Ashrita)
  • brahmādyāḥ : (Gottheiten wie) Brahma usw. (Adya)
  • tāratamyena : im entsprechenden Grade (Taratamya)
  • bhavanti : sind (bhū)
  • ānandinaḥ : glückselig (Anandin)
  • akhilāḥ : allesamt (Akhila)     ॥ 58 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

Lesen

Gottheiten wie Brahma und andere kosten nur einen Teil der unbegrenzten Glückseligkeit Brahmans und genießen entsprechend ihren Anteil daran.
Hier spricht Shankaracharya, der Autor des Werkes Atma Bodha über sogenannte Gottheiten. Es gibt zum einen das Unendliche und das Ewige. Brahman. Was gibt es sonst noch? Es gibt Menschen, es gibt Tiere, es gibt das materielle Universum. Und Shankara spricht jetzt hier: Es gibt auch Gottheiten. Was sind jetzt Gottheiten?
Zum einen gibt es letztlich Ishvara. Ishvara ist der Schöpfergott. Wenn Brahman die Welt träumt und damit schafft, erhält und zerstört, ist Brahman Ishvara. Brahman als Ishvara macht alles. Er kann sagen: Wir sind Traumgestalten im Traum von Ishvara. Die manifeste Welt existiert nicht wirklich. Aber es ist auch nicht so, dass wir als Einzelperson diese Welt träumen. Wenn wir sagen, diese Welt ist ein Traum, dann ist es ja nicht so, dass wir persönlich diese Welt träumen, sondern es ist so, dass Ishvara, der persönliche Gott, diese Welt träumt. Wenn Brahman diese Welt träumt, wird er zu Ishvara. D. h. die Welt besteht aus Brahman, und der, der träumt, ist Brahman, das Traumprinzip ist Brahman, und das Traumprinzip wird dann als Ishvara bezeichnet. Die Welt, die geträumt ist von Brahman, ist Vishvarupa, d. h. die kosmische Gestalt von Brahman. Die Einzelseelen, Jiva, sind Manifestationen von Brahman. Die Upadhis, die begrenzenden Attribute, die Kostüme, die Rollen, die wir spielen, sind Teile von Jagat, der manifesten Welt. Und wir spielen Teil im kosmischen Drama als Jiva, als letztlich Instrumente von Ishvara. Alles ist letztlich Brahman. Alles gehört irgendwo zusammen.
Aber es gibt auch einen persönlichen Gott Ishvara. Ishvara wiederum hat verschiedene Funktionen. Wir können verschiedene Beziehungen zu Ishvara aufbauen. Im Hinduismus spricht man von Shiva, Krishna, Vishnu usw. Die drei Hauptaspekte sind: Shiva als der meditative Aspekt, manchmal auch als der Zerstörer genannt; Vishnu – der erhaltende Aspekt; Brahman – der schöpferische Aspekt. Und es gibt so viele weitere Weisen, wie wir Ishvara sehen können.
Auf eine ähnliche Weise kann man sich auf einen Menschen unterschiedlich beziehen. Eine Person mag eine Frau sein und wird von ihrem Chef vielleicht mit „Frau Schmidt“ angeredet. Vielleicht ist sie mit ihren Kolleginnen per „Du“ und die nennen sie dann „Monika“. Vielleicht ist die Person auch eine Yogalehrerin und unterrichtet einmal die Woche in einem Fitness-Center. Hat vielleicht einen spirituellen Namen und wird dann vielleicht „Gopi“ genannt. Sie hat vielleicht ein Kind, das Kind sagt „Mama“. Die Frau ist vielleicht verheiratet, der Mann nennt sie „Liebling“. Hat vielleicht auch noch eine Mutter, die Mutter sagt „Moni“ usw. Die gleiche Person ist also „Moni“, „Frau Schmidt“, sie ist „Gopi“, sie ist „Mami“, sie ist „Liebling“ usw. Und jede Person sieht diese gleiche Person anders. Also angenommen, wir würden das Kind bitten, die Mutter zu beschreiben, dann wird das Kind die Mutter anders beschreiben als es z. B. der Ehemann macht, als es die Kollegen machen, die Yogaschüler, und sie ist natürlich auch Schülerin irgendwo, und der Chef wird sie nochmal anders sehen und die Kunden nochmals anders. Gleiche Person – unterschiedliche Rollen, unterschiedliche Namen, unterschiedliche Beziehungen.
So kannst du auf unterschiedliche Weise zum gleichen Gott Beziehungen aufbauen. Gott hat unterschiedliche Funktionen, unterschiedliche Namen. Du kannst Gott auch „Gottvater“ nennen. Du kannst ihn nennen „Gottsohn“, „Gott – Heiliger Geist“. Auch im Christentum spricht man von der Dreifaltigkeit Gottes. Gott hat verschiedene Funktionen, dennoch ist es der eine Gott. Und selbst im Judentum, wo dieser bedingungslose Monotheismus gelehrt wird, hat Gott so viele verschiedene Namen. Er wird als Adonai bezeichnet, er wird als Eli bezeichnet, als Herr der Heerscharen, als Zebaoth usw. Gott hat so viele verschiedene Namen. Und je nach Name ist er wieder anders. Und selbst von Allah heißt es, er hat unterschiedliche Funktionen, unterschiedliche Beziehungen, die er aufbauen kann.
In diesem Sinne: Ishvara – unterschiedlich. Jetzt im Rahmen von Ishvara, von Gott, gibt es auch wieder nicht nur auf der physischen Welt Wesen. Es gibt auch Feinstoffwesen, die Naturwesen, Feen, Elfen usw. werden sie in der westlichen Magie, Esoterik, Okkultismus genannt. Es gibt den Schamanismus, die von all den Geistwesen sprechen. Dann gibt es die höheren Engelswesen. Und dann gibt es eben auch in Indien die Aussage: Es gibt dort Indra und Varuna und Agni, die Maruts und die Ashvins, es gibt die Apsaras und die Ghandarvas, also alle möglichen Engelswesen, Lichtwesen, wie sie genannt werden, Devas – Devas heißt ja wörtlich Lichtwesen – all diese. Diese Lichtwesen, diese Engelswesen, auf die bezieht sich Shankara so etwas hier. Also die Lichtwesen, die Brahma – Brahma kann man sehen als Aspekt von Ishvara, man könnte ihn aber auch als Teil der Devas sehen – die haben einen begrenzten Anteil an der Glückseligkeit von Brahman. Sie sind nicht unendlich glückselig, sondern sie haben einen begrenzten Anteil daran. Und so ist auch Engelswesen nicht ausreichend. Es gibt auch in Indien, gerade im Hinduismus, so die Tradition, man will in den Himmel gehen, da wird beschrieben, wie der Himmel ist, oder Menschen wollen in ihrem nächsten Leben sich als Indra manifestieren, als König der Engel. Oder sie wollen vielleicht sogar Brahma, der Schöpfer werden.
Aber Shankara sagt: Das reicht nicht aus. Auch wenn du als Engelswesen dich wieder inkarnierst, du hast nur einen begrenzten Anteil an der Glückseligkeit von Brahman. Der, der zu Brahman selbst geht, strebe nicht nach Himmelsfreuden im Sinne von ewiger Frühling oder 72 Jungfrauen; oder der Hinduhimmel wird beschrieben mit Musikern und mit Tänzern und Tänzerinnen und mit Elefanten und mit verschiedenem Anderem. Himmel ist nur begrenzt. Brahman ist unbegrenzt. Strebe nach dem Höchsten. Jetzt mag für dich natürlich die Hindugötterwelt etwas eigenartig klingen. Und du bist auch in etwas anderer Zivilisation aufgewachsen. Und dir sagen jetzt diese Bilder von Himmel und von Engelswesen der Hinduwelt vielleicht nicht so viel. Aber du hast vielleicht andere begrenzte Wünsche. In gewisser Weise kannst du auch einfach sagen: Ich will einfach ein besserer Mensch werden. Ich will einfach ein bisschen gelassener werden. Und ich will einfach ein bisschen lichtvoller sein. Gut, und vielleicht nach dem Tod möchte ich mich irgendwie erhaben fühlen, in Lichtwelten gehen und im nächsten Leben vielleicht zum Guten beitragen. Das ist auch nur begrenzt. Es ist begrenzte Seligkeit, es reicht nicht aus.
Was Shankara in dem Vers vor allem sagen will: Strebe danach, Brahman vollständig zu erfahren. Vollständig Brahman zu verwirklichen. Alles andere, auch spirituelle Erfahrungen, auch niedere Samadhi-Stufen, auch Visionen von Engeln und von Heiligen und von verschiedenen Aspekten Gottes – das reicht nicht aus. Du fällst wieder zurück ins Relative. Werde zu Brahman, erkenne Brahman. Richte dein Leben nach Brahman aus. Das wird dich dauerhaft glücklich und zufrieden machen.

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