Atma Bodha – Vers 16

Wer bin ich?

Atma Bodha – Vers 16

Deutsche Übersetzung:

Durch unterscheidende Selbst-Analyse und logisches Denken sollte man das Reine Selbst von den Hüllen trennen, so wie man das Reiskorn von der Hülse etc. trennt, die es bedecken.

Sanskrit Text:

vapustuṣādibhiḥ kośair yuktaṃ yuktyavaghātataḥ ।
ātmānam antaraṃ śuddhaṃ viviñcyāt taṇḍulaṃ yathā ॥ 16 ॥

वपुस्तुषादिभिः कोशैर्युक्तं युक्त्यवघाततः ।
आत्मानमन्तरं शुद्धं विविञ्च्यात्तण्डुलं यथा ॥ १६ ॥

vapustushadibhih koshair yuktam yuktyavaghatatah |
atmanam antaram shuddham vivinchyat tandulam yatha || 16 ||

Wort-für-Wort-Übersetzung:

  • vapus-tuṣādibhiḥ : des Körpers (Vapus) bzw. der Reishülsen (Tusha) usw. (Adi)
  • kośaiḥ : mit den Hüllen (Kosha)
  • yuktam : das verbunden ist (Yukta)
  • yukty-avaghātataḥ : durch das Stampfen in einem Mörser (Avaghata) vermittels der Methode (der unterscheidenden Erkenntnis, Yukti)
  • ātmānam : das Selbst (Atman)
  • antaram : im Inneren befindliche (Antara)
  • śuddham : reine (Shuddha)
  • viviñcyāt : man soll unterscheiden, trennen (vi + vic)
  • taṇḍulam : ein Reiskorn (Tandula)
  • yathā : so wie (Yatha)      ॥ 16 ॥

Kommentar von Sukadev Bretz

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Shankaracharya gibt also jetzt ein wichtiges Prinzip und eine wichtige Technik im Jnana Yoga, die man auch als Jnana Abhyasa bezeichnen kann oder Jnana Yoga Sadhana, eine spirituelle Praxis. Er sagt hier: „Durch die unterscheidende Selbstanalyse und logisches Denken …“ Unterscheidende Selbstanalyse – hier kannst du dich fragen: „Wer bin ich?“ Und hier gibt es eine großartige Analyse im Jnana Yoga, die sich Subjekt-Objekt-Analyse nennt. Du kannst sagen, wenn ich fragen will: „Wer bin ich?“ Dann kann ich sagen, ich bin der Beobachter und das Beobachtbare und das Beobachtete bin ich nicht. Wenn ich zum Beispiel meine Brille nehme, kann ich fragen: „Bin ich die Brille?“ Nein, ich bin nicht die Brille, ich sehe die Brille, ich kann die Brille sehen, ich kann sie spüren usw., aber ich bin nicht die Brille, ich bin der, der durch die Brille hindurchschaut. Natürlich kannst du auch gleich merken, dass es Schwierigkeiten gibt, du kannst dich mit der Brille identifizieren, kannst sagen – das ist meine Brille. Wenn es deine Brille ist, dann willst du, dass andere sagen, du hast eine tolle Brille, eine schöne Brille, du willst nicht, dass die Brille kaputt geht und du willst natürlich auch, dass du diese Brille lange tragen kannst. Wenn du aber so verhaftet bist an diese Brille, dich identifizierst mit der Brille gibt es gleich Schwierigkeiten, denn dem einen gefällt die Brille, dem anderen nicht. Die Brille mag irgendwann runterfallen, jemand mag drauftreten oder deine Sehstärke ändert sich, daher erkenne – die Brille ist ein Instrument der Wahrnehmung, durch die Brille kann ich besser sehen, aber ich bin nicht die Brille.
Nächste Frage ist dann auch: „Bin ich der Körper?“ Ich beobachte den Körper, ich spüre den Körper, ich kann den Körper bis zu einem gewissen Grad verändern, kann den Arm heben, kann den anderen Arm heben, aber ich kann nicht alles machen. Ich bin nicht der Körper, ich bin das Bewusstsein, ich nutze den Körper, der Körper verändert sich, er wird älter, er ist mal gesünder, er ist mal kränker, er ist Unfällen unterworfen, Alter, Krankheit, Tod unterworfen, all dies sind Attribute des physischen Körpers. Bin ich der Körper? Nein, ich bin der Beobachter und ich bin das Bewusstsein hinter dem Körper. Der Körper gibt mir Informationen, durch den Körper wirke ich in der Welt und durch den Körper ist Leben auf dieser physischen Welt überhaupt erst möglich. Aber wenn ich auch durch eine Brille sehr viel besser sehe, als ohne Brille bin ich dadurch nicht die Brille, auch wenn ich ohne Körper in dieser Welt wenig tun könnte, bin ich dennoch nicht der Körper, so wenig wie ich ein Raumanzug wäre, wenn ich auf den Mars oder den Mond gehen würde, ich bin nicht der Körper. Ich beobachte den Körper, ich fühle den Körper, ich sehe den Körper, ich höre den Körper, ich rieche den Körper, ich schmecke den Körper, wenn ich z. B. den Schweiß ablecke, der aus dem physischen Körper heraus kommt. Dies kann man intellektuell ergründen. Genauso auch: Bin ich meine Emotionen? Nein, ich bin nicht meine Emotionen, ich beobachte die Emotionen, man kann sie sogar lokalisieren, man kann sagen, es gibt eine Emotionssäule, die von der Kehle bis zum Nabel reicht, sie ist einfach nur so 10 bis 20 Zentimeter breit und vielleicht 10 bis 20 Zentimeter tief und maximal einen Meter hoch, da sind die Emotionen, da sind die Gefühle und ich kann sie wahrnehmen. Emotionen sind Informationen mit Energie, Emotionen sind hilfreich, aber ich bin nicht die Emotion, ich kann beobachten, wo die Emotionen sind, ich kann beobachten, wann sie beginnen und wann sie enden und ich kann sie bis zu einem bestimmten Grad beeinflussen, ich kann sie forcieren und ich kann sie reduzieren und ich kann mich ablenken, doch ich bin nicht die Emotion. Bin ich die Persönlichkeitsmerkmale und Eigenschaften, manche sagen, ich bin extravertiert, andere sagen ich bin spontan, andere sagen, ich bin liebevoll oder ich bin ein Künstler, ich bin intellektuell, ich bin ein gemütlicher Mensch, bin ich das? Nein, all dies sind Attribute der Psyche, das sind Weisen wie du in dieser Welt handeln kannst, wie du in dieser Welt etwas tun kannst, aber ich bin nicht die Psyche.
Eigenschaften kommen, Eigenschaften gehen, sie sind nicht ganz so fest, wie man manchmal denkt. Das, was du vor zehn Jahren gedacht hast, wie du bist, wirst du heute vielleicht völlig anders sehen. Und was du in zehn Jahren von dir denkst, wird wieder anders sein. Persönlichkeitsmerkmale ändern sich, wandeln sich und ihre Wichtigkeit ändert sich auch. Du bist das unsterbliche Selbst und du manifestierst dich über eine Persönlichkeit. Ich bin nicht die Persönlichkeit, ich bin das Bewusstsein. Über die Persönlichkeit wirke ich in dieser Welt. Es ist wie ein Schauspieler, der eine Rolle annimmt, mit der er sich identifizieren kann, so hast du in dieser Welt eine Rolle und für diese Rolle brauchst du auch eine Persönlichkeit. Du bist nicht die Persönlichkeit, du bist das unsterbliche Selbst, dies kannst du intellektuell analysieren, du kannst dir das bewusst machen und du kannst damit auch spielerischer umgehen mit den einzelnen Teilen deiner Persönlichkeit, du bist auch nicht Gedanken, Gedanken kommen und Gedanken gehen, manche Gedanken kommen von selbst wie Reizreaktionsketten, jemand sagt etwas und du denkst sofort, jemand schimpft und du schimpfst zurück, dies sind alles Automatismen. Diese Dinge gibt es und das kannst du so sehen, aber manchmal ist es auch so, dass du einfach raustreten kannst, du kannst deine Gedanken bis zu einem gewissen Grad verändern, du kannst deine Gedanken in der Meditation zur Ruhe bringen, du kannst deine Gedanken bewusst auf irgendetwas richten, du bist also nicht die Gedanken, sondern du hast gewisse Herrschaft über die Gedanken, aber auch wenn du die Gedanken nicht beherrschen kannst, kannst du sie beobachten und kannst schauen, Gedanken kommen und Gedanken gehen. Das ist eine Form der intellektuellen Analyse, eine Form des Herausfindens „Wer bin ich?“
Und genau darum geht es, wenn Shankaracharya hier sagt: Durch unterscheidende Selbstanalyse und logisches Denken sollte man das reine Selbst von den Hüllen trennen, sowie man das Reiskorn von der Hülse trennt, die es bedecken.

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